Eine Dürrekatastrophe bedroht die Kornkammer der USA

Allen Inflationsmeldungen zum Trotz sinken in den Vereinigten Staaten die Rindfleischpreise. Farmer treiben die Rinder zu Tausenden in die Schlachthöfe und müssen sich von den Viehaufkäufern die Preise diktieren lassen. Der Grund für die Rinderschwemme: Viele Viehzüchter können die starken Kostensteigerungen für Futtermittel nicht mehr tragen.

Innerhalb weniger Wochen schossen die Preise für Sojabohnen und Mais an den Warenbörsen um bis zu 60 Prozent nach oben. Ein Ende des Preisbooms für Getreide und Futtermittel ist nicht abzusehen, Meldungen über die katastrophale Dürre und drohende Mißernten im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten sorgen für einen stabilen Aufwärtstrend.

In weiten Teilen der fruchtbaren Ebenen von Dakota bis Texas, von Kansas bis Ohio ist seit Anfang, Juni kein; Tropfen. Regen gefallen. Im ausgedörrten Boden vegetieren Weizen, Hafer, Gerste, Sojabohnen und Mais nur kümmerlich dahin. Nachdem auch noch Präriebrände in den Getreideanbaugebieten wüteten, mußten die Landwirtschaftsexperten in Washington ihre optimistischen Erntevorausschätzungen vomFrühjahr revidieren: Statt 6,7 Milliarden Bushel Mais (ein Bushel – 27,2 Kilogramm) rechnen sie jetzt mit höchstens fünf Milliarden Bushel, zwölf Prozent weniger als im Vorjahr; die Sojabohnenernte bleibt voraussichtlich um 15 Prozent hinter den ursprünglichen Schätzungen und um 16 Prozent hinter der Vorjahresernte von 1,6 Milliarden Bushel zurück; lediglich die Weizenernte verspricht mit 1,8 Milliarden Bushel noch ein kleines Plus im Vergleich zum Vorjahr – aber nur acht statt der ursprünglich geschätzten 27 Prozent.

In den US-Staaten Nebraska, Iowa und South Dakota, die zu Katastrophengebieten erklärt wurden, fürchten Farmer gar um ihre Existenz. Westlich des hundertsten Längengrades werden Erinnerungen an die verheerende Dürre der dreißiger Jahre wach. Damals verließen 350 000 Farmerfamilien ihre Höfe. Gigantische Staubwolken trugen den Ackerboden bis nach New York und an die Atlantikküste. In den fünfziger Jahren wiederholte sich die Katastrophe: Die Mittelwest-Staaten wurden von einer neuen Dürre heimgesucht. In diesem Jahr, so befürchten die Farmer, ist wieder der Tiefpunkt des 20-Jahre-Zyklus erreicht.

Dabei werden sie diesmal von den Unbilden des Wetters doppelt getroffen. Schwere Regenfälle im Frühjahr verzögerten die Aussaat, teilweise wurde das Saatgut von den Feldern geschwemmt, und die Farmer mußten bis zu dreimal aussäen.

Die Dürre wird nicht nur vielen amerikanischen Farmern die Existenz rauben. Sie bringt auch Washington neue Probleme. Die US-Regierung rechnete in Erwartung einer Rekordernte mit sinkenden Nahrungsmittelpreisen und einem entsprechend geringeren Anstieg der Verbraucherpreise – sie lagen im ersten Halbjahr 1974 um 10,3 Prozent über dem Vorjahresniveau. Da die Getreidereserven der Vereinigten Staaten infolge des Ausverkaufs an Moskau den niedrigsten Stand seit vierzig Jahren erreicht haben, fordern die Verbraucherverbände zudem ein Exportembargo für Getreide. Gibt Washington dieser Forderung nach, muß die Regierung mit Einbußen bei den Exporterlösen rechnen – die Getreideausfuhr brachte im vergangenen Jahr immerhin rund 50 Milliarden Mark Einnahmen und war damit der stärkste Aktivposten der Zahlungsbilanz.