An der Kirchenallee hinter dem Hamburger Hauptbahnhof: Unter dem langen Nachmittagsschatten einer Buche sitzen schwarbärtige Männer auf der Steinmauer. Ihr Plaudern unterbrechen sie nur dann, wenn sie in ihren Jacken nach alten Bildern oder neuen Briefen kramen. Aus abgewetzten Aktentaschen ragen Thermosflaschen. Einer hat einen Packen druckfrischer türkischer Zeitungen neben sich. Die Münzen klimpern in eine speckige Mütze, an den Schlagzeilen der "Hürriyet" entzünden sich keine Diskussionen. Nicht einmal mit den griechischen Gastarbeitern, die ein paar Schritte weiter Stehkonvent halten. "Das Mittelmeer ist weit", so philosophiert der Müllwerker Tufan Yuksel. "Und Arbeit ist besser als Krieg."

Die Bilder gleichen sich. Auch in München und Köln, in Frankfurt und Stuttgart gibt es keine hellenisch-osmanischen "Nebenkriegsschauplätze". Auf Bahnhöfen und in Kneipen, den Nachrichtenbörsen der Arbeiter aus Anatolien und der Ägäis, sind die Emotionen über den Zypern-Zwist gedämpft. Anfängliche Befürchtungen etwa der Berliner Polizei, Griechen und Türken könnten sich schon vor der Heimreise in den Urlaub auf dem Flugplatz Tempelhof in die Haare oder gar Messer geraten, blieben unbegründet. Bei den rund 600 000 türkischen und 243 000 griechischen Arbeitern in der Bundesrepublik und Berlin sitzt die Sorge um den Arbeitsplatz tiefer als nationalistischer Zorn um Zypern.

Verrechnet haben sich vor allem die ausländischen Extremistengruppen. Immerhin tummeln sich auf deutschem Boden allein dreißig griechische links- und rechtsradikale Organisationen: mit rund 22 200 Mitgliedern in 290 Regionalverbänden. Daneben nehmen sich die siebzehn extremistischen Türkengruppen mit ihren 5000 Anhängern vergleichsweise bescheiden aus.

Die rechtsextremistische türkische "Partei der Nationalistischen Bewegung" bleut ihren 2000 Mitgliedern unter den ausländischen Arbeitern ein, das türkische Volk sei der "würdigste Stamm der Welt", und wer ihm schade, müsse vernichtet werden. Der 5000 Mann starke rechtsradikale "Verband der Griechen in Deutschland" träumt von einem griechischen Zypern. Konspirativ in Betrieben und Wohnheimen arbeitet die terroristisch-türkische "Revolutionäre Arbeiter- und Bauernpartei" – konsequent baut die linksextreme "Panhellenische Befreiungsbewegung" ihre deutschen Zellen auf.

Gleichwohl sprang der Funke aus dem Mittelmeer nicht über. Zypern lieferte keinen Zündstoff in den Betrieben.

Auf dem Hamburger Werftgelände von Blohm + Voss arbeiten 1200 Türken und 200 Griechen miteinander. Trotzdem hat Hans-Günter Tepel, Personalchef der Großwerft, "keine Maleschen". Ebenfalls ruhig ist es unter den 1500 Griechen und 4500 Türken in den sechs VW-Werken. Willy Weis, Leiter der VW-Abteilung Personal und Soziales: "Die Lage ist absolut normal. Nirgendwo ein Grund, die Arbeiter zu separieren." Auch bei Bayer in Leverkusen und bei BASF in Ludwigshafen registrierten die Betriebsratsvorsitzenden übereinstimmend Ruhe statt Rempelei. Als Chef der Hamburger Stadtreinigung nennt Herbert Oppermann die Stimmung unter seinen 130 Straßenwerkern und sechzig Müllmännern aus der Türkei erfreulich: "Gewiß sind die Männer aus dem Orient etwas spontaner als wir. Aber Zypern hat nicht durchgeschlagen."

Überall lautet die Devise: Die Türken sind ruhig, die Griechen fallen nicht auf. Niemand will durch militantes Verhalten oder politischen Streit seinen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik verlieren. Zudem ist das Heer von Griechen und Türken hier nicht durch Grenzen und Gräben getrennt. Norbert Blüm, Manager der CDU-Sozialausschüsse und einst Mechaniker bei Opel, lobt die Betriebsbasis: "Das Nebeneinander an der Werkbank dämpft die Emotionen. Wer mit einem Kollegen aus dem anderen Land zusammenarbeitet, schlägt nicht nach Feierabend auf dessen Nase."

Der Polizeibericht bringt das auf einen nüchternen Nenner: Als die Waffen auf Zypern wieder schwiegen und die Nachricht darüber aus den Transistorradios kam, umarmten sich auf dem Hamburger Steindamm einige Männer vor Freude – Griechen und Türken aus demselben Betrieb. Sepp Binder