Von Wolfram Runkel

Abends um neun wurde ich abgesetzt. Es war dunkel, fremd, naß, amerikanisch. Ich war allein und kam mir so ein bißchen vor wie ein Krimiheld, so ein Privatdetektiv, Typ Schnüffler. Denn ich hatte einen richtigen Auftrag: Ich sollte eine mir unbekannte amerikanische Stadt kennenlernen und dabei nur den neuen Baedeker-USA-Reiseführer und 50 Dollar (pro Tag) verwenden. Zeit: eine Woche. Grund: Baedeker wollte es genau wissen: Kommt man als Greenhorn mit dem neuen Führer aus dem alten Führerhaus in unbekannten Gefilden klar?

Zum Beispiel New Orleans. Französisch, spanisch, englisch, afrikanisch, amerikanisch, Karibisch, Oper, Jazz und Voodoo, Mississippi und Mark Twain. Das war, was mir nach längerem Nachdenken so über New Orleans einfiel. Mehr wußte ich nicht.

Der Baedeker hatte immerhin elf Seiten über New Orleans in seinem neuen 872 Seiten dicken, 48 Mark teuren, rot-goldenen Luxus-Guide. Elf Seiten cool and dry. Eine Inventaraufzählung über Häuser, Straßen, Leute von gestern und heute, ein Gerippe von unglaublich viel Informationen, die freilich, wie ich dann am Ort des Geschehens merken sollte, erst beim Erleben der Stadt Leben bekommen.

Hot-Dog-Pigalle-Paradies

So in Hamburg liest sich das ganz schön langweilig. Die Absätze von Seite 592 bis Seite 599 fangen der Reihe nach so an: "Längs einer... den Mittelpunkt des... nordöstlich gegenüber. zu beiden Seiten... an der Ostecke südwestlich ... von dort... Basin Street (ach ja)... an der Südwestseite... auf der Nordostseite... etwa 1/4 Meile südlich... unweit nördlich... vom Bahnhof ..." und so weiter.

Das liest man so und vergißt es auch wieder so. Aber Baedekers New Orleans ist nicht James Joyces Dublin-Führer und will es auch gar nicht sein. Und über New Orleans gibt es ja schließlich auch ein literarisches Werk, "Mein Leben, mein New Orleans" von Louis Armstrong. Da haben die Straßen denn auch Leben (und was für welches), die aber (wie ich auch erst am Ort des Geschehens merken sollte) beim Erleben der Stadt ihr Leben längst verloren haben. (Davon später.) Aber der Baedeker ist auch nicht Louis Armstrong und will es gar nicht sein.