Alle Radsportler, überhaupt jene, die Best- oder Klasseleistungen zu würdigen wissen, blickten während der diesjährigen französischen "Tour" auf Belgiens Alleskönner Eddi. Merckx, der wie der Franzose Anquetil zum fünften Male diese Tortur gewann. Dieser Gigant unter den Aktiven der Jetztzeit scheint alle bisher aufgestellten Rekorde bei der diesjährigen Radrundfahrt und darüber hinaus auf den Kopf zu stellen bzw. auszulöschen. Das belgische Vielseitigkeitstalent hat – wie zahlreiche andere Ausnahmekönner – in jungen Jahren ein nachahmenswertes Vorbild gehabt: Obwohl Belgien nie arm an Straßen- und Bahn-Assen war (und ist), war’s ein Ausländer, der ihn zu Trainingsfleiß und sportlich-asketischer Lebenshaltung animierte: Italiens Allrounder Gino Bartali.

Eddi machte dieses Kompliment vor zwei Jahren dem italienischen Super-Champion während des Giro d’Italia in seiner Hotel-Etappen-Unterkunft, als er mit ihm im gleichen Haus untergebracht war.

Bartali – dieser Name ist bereits heute zu seinen Lebzeiten Legende und Begriff zugleich. Jetzt feierte dieser stille, stets in sich gekehrte große Sportsmann seinen 60. Geburtstag. Bartali leidet seit Jahren an einer Stimmband- und Kehlkopferkrankung, die ihn in der freien Rede behindert. Aber dennoch wird er überall – gern – gehört und verstanden. Vor allem während des Giro-Rundfahrt-Karussells, das er als sportlicher Leiter und Berater irgendeines in-oder ausländischen Rennstalles mitmacht und dabei allen Fahrern mit Rat und Tat aus seinen reichen Erfahrungen hilft oder als fachmännischer Kommentator vor den Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen der heimischen und ausländischen Radiostationen steht.

Nur wenige in diesem körper- und nervenzehrenden Metier haben durch Haltung und Beispiel dem Weltradsport so Gesicht und Richtung zugleich verliehen wie Gino. Und da marschieren Namen wie die seines unvergessenen Landsmannes Fausto Coppi, der Schweizer Hugo Koblet und Ferdi Kübler, der Belgier Silver Maes, Stan Ockers, Rik van Steenbergen, der Holländer Middelkamp und Gerrit Schulte sowie der französischen Matadore von einst wie André Leduque, Louison Bobet, Jacques Anquetil und Georges Speicher in einer Phalanx der Größen auf.

Gino Bartali hat alle Radsportrekorde, die auf den steinigen und staubigen Straßen bzw. Holzlatten- und Zementpisten dieses Kontinents – und hier insbesondere auf der sagenumwobenen Mailänder Vigorelli-Bahn – aufgestellt wurden, übertroffen. Viermal gewann er den Giro. Das wäre noch öfter geschehen, wenn nicht der unheilvolle Zweite Weltkrieg. die großen internationalen Veranstaltungen auf dem seinerzeit bebenden Kontinent illusorisch gemacht und die Corridoris zum Tausch ihrer Biciclettas mit der Waffe gezwungen hätte.

1937 – also ein Jahr nach seinem ersten Giro-Triumph – startete er zum ersten Male in der Tour de France, schied aber nach einem verhängnisvollen Sturz vorzeitig aus. Ein Jahr später stand er erneut am Start. Am berüchtigten Izoard-Paß zeigte er den staunenden Radsport-Experten, aus welchem "Material" er geschnitzt war und welche Klasse er darstellte. Nie zuvor hatte man einen solchen unwiderstehlichen, alles niederwalzenden Bergsteiger gesehen. Gino gewann die Tour mit 20 Minuten Vorsprung. Italiens Tifosis empfingen ihn nach der Rückkehr wie einen König. Papst Pius XII. lud ihn, wie später noch so oft, zu privater Audienz in den Vatikan. Wer damals von Bartali sprach, sprach nur noch von dem radelnden Mönch, dies auch, weil er einem Laienorden angehörte.

Zehn Jahre nach seinem 1938er Tour-Triumph – also 1948 – wiederholte er ihn, inzwischen 34 Jahre alt geworden. Im Pariser Parc de Prince lag er 26 Minuten vor dem ihn verfolgenden Zweiten, dem belgischen Straßenbolzer und zweimaligen späteren Weltmeister "Brik" Schotte. Das und vieles andere hat ihm bis heute keiner nachzumachen vermocht. Erst 1953 beschloß er mit fast 40 Jahren nach einem schweren und leistungsbehindernden Autounfall seine sportliche Laufbahn. Ihn und mehrere spätere geschäftliche Mißerfolge und Fiaskos überwand und überstand er mit Haltung.