Von Peter Becher

Addis Abeba, im August

Auf der grauen Brückenmauer vor dem Tor aus mannshohen Eisenstäben vertreiben sich drei Soldaten mit Kartenspiel die Zeit. Hinter der Pforte, der Zufahrt zur staatlichen Rundfunkstation in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, wartet seit Tagen ein olivgrüner Truppentransporter mit dem Emblem der kaiserlichen Leibgarde. Überall an den Brennpunkten des Stadtgebietes sind Truppen aufgefahren. Sie sind das sichtbare Zeichen des unblutigen Staatsstreiches, mit dem sich die Militärs Ende Juni an die wichtigsten Schaltstellen setzten.

Der Putsch kam überraschend und verlief unblutig. Die Besetzung der Rundfunk- und Fernsehstationen, des Flughafens und wichtiger Schlüsselpositionen in der Hauptstadt war nur der Anfang. In den vergangenen Wochen hat die Armee ihre Macht von Tag zu Tag weiter gefestigt. Durch eine Serie von Verhaftungen früherer Regierungsmitglieder wurde Kaiser Haile Selassie I. praktisch isoliert. Nach 44 Jahren unumschränkter Alleinherrschaft ist der 82jährige Monarch nur noch eine Marionette seiner Offiziere. Selbst die kaiserliche Leibgarde steht unter dem Kommando der Streitkräfte. Und am vorigen. Sonntag sind dem Negus sogar die zwölf kaiserlichen Paläste im Lande weggenommen worden; sie wurden zu Staatseigentum erklärt. Haile Selassie ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Er ist nur noch geduldeter Untermieter.

Die Armee war es auch, die die Arbeit der seit Februar tätigen Verfassungskommission drastisch beschleunigt und schließlich den Entwurf einer neuen Verfassung vorgelegt hat. Nach Ansicht vieler Beobachter markiert dieser Entwurf einen Wendepunkt in der dreitausendjährigen Geschichte des Kaiserreichs. Er schränkt die bislang nahezu unbegrenzte Machtfülle des Imperators erheblich ein. Eine der letzten absoluten Monarchien soll binnen absehbarer Zeit in eine konstitutionelle Monarchie nach europäischem Vorbild umgewandelt werden.

Trennung von Kirche und Staat, Neuordnung des Steuersystems, Pressefreiheit, mehr Bürgerrechte und Schutz vor einer allumfassenden Korruption der Behörden sind einige wichtige Veränderungen, die der Entwurf vorsieht. Am wichtigsten jedoch ist wohl die Landreform, die die archaischen Besitzverhältnisse beseitigen soll. Denn seit Jahrhunderten gehört das nutzbare Land zur einen Hälfte der christlich-orthodoxen Kirche und dem Kaiserhaus. In die andere Hälfte teilen sich etwa 300 steinreiche Adelsfamilien, die in der Vergangenheit zusammen mit dem Kaiserhaus die Geschicke des Landes bestimmten – zweifellos eine der Hauptursachen für die beispiellose Armut in Äthiopien. Die Verfassung sieht jetzt vor, den Grundbesitz des Kaiserhauses in den Besitz von Einzelbauern oder Genossenschaften überzuführen. Für Privatpersonen soll der Besitz von Grund und Boden nur mehr bis zu einer bestimmten Größe möglich sein, um einer erneuten Anhäufung wirtschaftlicher Macht rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben.

Durch die Einführung von Parlamentswahlen wird der absoluten Macht des Kaiserhauses der Todesstoß versetzt. Fast fünfzig Jahre lang herrschte Kaiser Haile Selassie mit uneingeschränkter Macht. Er ernannte und entließ Berater und Minister nach eigenem Gutdünken – der Kaiser war alles, das Volk war nichts. Wer sich in kaiserlicher Gnade sonnen durfte, hatte teil an Macht und Besitz – die Verstoßenen jedoch mußten als rechtlose Opfer kaiserlicher Willkür entweder das Land verlassen oder sich im verborgenen halten. Durch die Wahlen soll jetzt das äthiopische Volk in die politische Verantwortung hineingezogen werden. Ein Volk freilich, an dessen Sozialstruktur sich seit Jahrhunderten nichts geändert hat, dessen Denken noch von mittelalterlichen Vorstellungen geprägt ist, das zu etwa 85 Prozent aus Analphabeten besteht; ein Volk, das ein politisches Bewußtsein im abendländischen Sinne nicht hat entwickeln können. Wie ein führender Intellektueller meinte: "Wir Äthiopier reden zwar von Freiheit, wissen jedoch nicht, was Freiheit ist."