Die Folgen der enormen Ölpreiserhöhung sind immer noch nicht abzusehen. Während die meisten Industrieländer in wachsende finanzielle Bedrängnis geraten, wissen die arabischen Ölexportländer nicht, wohin mit den überschüssigen Milliarden. Ursachen und Folgen der Ölpreiskrise schildert Jens Friedemann in seinem demnächst erscheinenden Buch "Die Scheiche kommen" (Lübbe-Verlag, 265 Seiten, DM 28,–).

Staatseinkünfte – gibt es dafür überhaupt eine Höchstgrenze, oberhalb derer sie für irgendeinen Staat lästig oder gar gefährlich werden können? Finanzminister des Westens, die sich darin verschleißen, die Löcher in den Staatskassen durch Kredite und Mogeleien zu stopfen, werden diese Frage für absurd halten. Tatsächlich aber ist die Zeit nicht mehr fern, in der die milliardenschweren Regierungen der ölausfuhrländer mit diesem Problem konfrontiert werden.

Den Löwenanteil des neuen Reichtums verbuchen die Scheiche und Prinzen am Persischen Golf, allen voran Saudi-Arabien. Bei einer Ölförderung von 65 Millionen Tonnen und einem Ertrag pro Barrel Öl von 75 Cents nahm das Königreich im Jahr 1960 355 Millionen Dollar ein. Zehn Jahre später war diese Summe auf 1,2 Milliarden angewachsen. Die Förderung war inzwischen auf 178,8 Millionen Tonnen und der Ertrag pro Barrel auf 1,23 Dollar angestiegen. 1973 hatte sich die Förderung mehr als verdoppelt (auf rund 364 Millionen Tonnen), die Einnahmen pro Barrel stiegen von 1,70 Dollar auf rund drei Dollar. Das bedeutete nach vorsichtigen Schätzungen: Deviseneinnahmen in Höhe von 6,5 bis sieben Milliarden Dollar für ein Land, das Mühe hat, mehr als drei bis vier Milliarden im Rahmen seines Haushaltes sinnvoll auszugeben. Die gigantische Macht, die sich am Persischen Golf zusammenballt, wird sichtbar, wenn man die geschätzten Einnahmen des Königreiches für 1974 zugrunde legt. Eine Dollarlawine in der gigantischen Größe von 20 bis 21 Milliarden Dollar rollt auf das 7-Millionen-Volk zu. Das bedeutet gegenüber 1971 eine Steigerungsrate von fast 2000 Prozent.

Das Scheichtum Dubai, dessen Einnahmen 1969 noch bei zwei Millionen Dollar lagen, wird im Jahre 1974 gut und gern 800 Millionen kassiert haben. Kuwait, der perfekteste Wohlstandsstaat der Welt, nahm 1971 aus dem Ölgeschäft 1,4 Milliarden Dollar ein. Bis Ende 1974 dürften über 500 Prozent mehr in die Schatullen des Staates geflossen sein, nämlich rund 8,4 Milliarden Dollar; 1971 lagen die Einnahmen aus Ölexporten in den Emiraten an der einst gefürchteten Seeräuberküste bei schätzungsweise 800 Millionen – Dollar, 1974 scheffeln sie acht Milliarden oder mehr; Milliardensummen für eine Bevölkerung, die in einer Stadt von der Größe von Buxtehude Platz fände.

Die Gesamteinkünfte aller OPEC-Staaten lagen 1966 bei ungefähr 4,5 Milliarden US-Dollar, 1970 waren es bereits mehr als 7,5 Milliarden Dollar, 1973 rund 27 Milliarden. Davon gaben die Regierungen für den Kauf von Verbrauchs- und Investitionsgütern und Waffen etwa 20 Milliarden Dollar aus. Sieben Milliarden Dollar, die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben, gingen in die Währungsreserven, als Guthaben auf Konten ausländischer Banken, in europäische, japanische und amerikanische Geld- und Kapitalmärkte. Auf Grund der neuen Ölpreise werden die OPEC-Einnahmen 1974 auf einen gigantischen Dollarberg von mindestens 90 Milliarden Dollar anwachsen; einige Schätzungen gehen noch weit über diese Zahl hinaus. Selbst bei günstigsten Voraussetzungen wird es den Ölförderländern nicht gelingen, ihre Devisenausgaben von 20 auf 30 Milliarden Dollar zu erhöhen. Spätestens 1975 wird die riesige Woge von 60, 70 oder gar mehr Milliarden Dollar auf die Weltmärkte niederbrechen. Dieser Geldschwall kann mit traditionellen Investmentstrategien nicht gebändigt werden. Die Finanzexperten der USA und westeuropäischer Länder befürchten, daß die Milliardensummen an Petrodollar das Weltwährungssystem und die Weltfinanzen kurzerhand in die Luft sprengen werden, falls es nicht gelingt, die gewaltigen Devisenmengen in partnerschaftlicher Allianz zu verwalten.

Die Wirkungsweise der Ölwaffe ist der Welt im Winter 1973/74 deutlich vor Augen geführt worden. Wird es eines Tages auch zur Erprobung der Finanzwaffe kommen? Abdul Majeed Shoman, der Chef der Arab Bank, schrieb im Februar 1974 in der "Times": "Die arabische Welt kann nicht länger hinnehmen, daß ihre Standpunkte von der westlichen Welt kontinuierlich ignoriert werden. Es wäre höchst bedauerlich, wenn die Verhaltensweisen einiger Länder die Araber veranlassen müßten, ihre finanzielle Macht für eine andere als die eigene interne Entwicklung einzusetzen."

Die unverhüllte Drohung, ihre Ölmilliarden als Waffe zu benutzen, scheint die Befürchtungen vieler westlicher Währungspolitiker zu bestätigen, daß einige arabische Regierungen Milliardensummen je nach Laune von Land zu Land oder in aufwertungsverdächtige Währungen dirigieren könnten.