Ankara, im August

Die Massaker bei Paphos und bei Famagusta, an türkischen Zyprern verübt, werden in Ankara als Beweis dafür empfunden, daß die zweite Phase der türkischen Militäraktion auf Zypern vollauf gerechtfertigt war. Die Berichte über die griechisch-zyprischen Untaten haben eine doppelte Wirkung auf die öffentliche Meinung: eine psychologische und eine politische. Sie stärken die allgemeine Überzeugung, daß der Westen aus pro-hellenischer Sympathie die menschlichen Konsequenzen des Zypernkonfliktes mit doppelter Moral mißt. Und sie bestätigen die Türken in ihrem Glauben, daß nur eine föderative Lösung, mit einer klaren geographischen Trennung der Insel, der türkischzyprischen Bevölkerung Sicherheit geben könne.

Während der vierzehn Jahre seit der Abkommen von London und Zürich, die im Jahre 1960 die britische Herrschaft beendeten und Zypern zum unabhängigen Staat machten, berichteten die türkischen Zeitungen pausenlos über Vertreibungen und Ermordungen von Inseltürken. Schon lange vor der Invasion, so heißt es hier in Regierungskreisen, waren 27 000 türkisch-zyprische Dorfbewohner gezwungen, ihre Heimstätten unter dem Druck von Furcht oder Zwang zu verlassen. Die Presse der freien Welt widmete diesen Vorfällen kaum Aufmerksamkeit und keinerlei diplomatische Beachtung. Durch solche Feststellungen haben sich die Türken einen inneren Abwehrmechanismus aufgebaut, der sich jetzt, angesichts der internationalen Verurteilung der zweiten türkischen Militärintervention auswirkt.

"Niemand hat die zyprische Regierung dafür kritisiert, daß sie es unterließ, die Vereinbarungen des Unabhängigkeitsabkommens anzuwenden", sagt Professor Hicri Fisek, ein führender Verfassungsrechtler aus Ankara. "Hätten sich die beiden anderen Garanten des Abkommens, England und Griechenland, an die Vereinbarungen gehalten, so wäre eine Intervention der Türkei nicht nötig gewesen. Das Abkommen sah eindeutig vor, daß eine der Garantiemächte intervenieren dürfe, um die Ordnung wiederherzustellen. Aber sobald wir einschreiten, werden wir als Aggressoren und Barbaren angeklagt. Es wird interessant sein, zu beobachten, ob die Massaker der griechischen Zyprer in der Weltpresse die gleiche Beachtung finden."

Unstrittig ist: Die türkische Militäraktion auf Zypern wurde vom Anfang bis zum Ende von Ministerpräsident Ecevit dirigiert; sie ist nicht das Resultat politischen Drucks durch die Militärs. Sie wollen sich möglichst aus der Politik raushalten nach einer zweieinhalb Jahre dauernden Periode unglücklicher und erfolgloser politischer Einmischungen.

"Als wir nach Genf zur zweiten Verhandlungsrunde fuhren, sagten wir allen, daß wir eine föderative Lösung anstreben, und wir wollten sie durch friedliche Mittel erreichen", erklärt Haluk Ulman, ein Mitglied des türkischen Parlaments und Ecevits rechte Hand. "Wir gingen nicht nach Genf, um uns den Weg für militärische Aktionen zu öffnen. Im Gegenteil, wir waren stets bereit, uns über eine kantonale Regelung zu unterhalten. Wir waren bereit, Konzessionen zu machen, aber wir haben darauf keine Antwort erhalten." Und er fährt fort: "Wir sagten den Griechen: Einverstanden, was für eine Lösung schlagt Ihr vor? Sie konnten uns keine Antwort geben, sie hatten keine Lösung. Dann wurden wir gebeten, weitere 36 Stunden zu warten, damit die Griechen unseren Vorschlag prüfen konnten. Aber dieser Vorschlag war ja gar nicht neu. Hinter den Kulissen war darüber schon eine ganze Woche diskutiert worden. An diesem Punkt rieten die Militärs Ecevit, daß schnellstens eine politische Lösung gefunden werden müsse, da das Landstück, das die türkische Armee damals besetzt hatte, nicht groß genug sei, um die Sicherheit der türkischen Truppen zu gewährleisten."

Vom türkischen Standpunkt aus war der zweite Interventionsschub auf Zypern daher eine militärische Notwendigkeit. Bestimmend war keineswegs der Wunsch, ein politisches Fait accompli Zu schaffen. Diese Deutung der Ereignisse wird von vielen Beobachtern geteilt. Bewußt wurde die weltweite Sympathie aufs Spiel gesetzt, die der Türkei ursprünglich entgegenschlug. Aber so wie Haluk Ulman denken hier viele Türken: "Was hat uns die Weltöffentlichkeit in den letzten vierzehn Jahren genützt, in denen türkische Zyprer umgebracht und vertrieben wurden?"