Es war einmal eine Zeit in Amerika, da waren junge Leute unter zwanzig noch lieb, gediegen und in jedem Sinne unschuldig; die Jungen schwärmten von James Dean, und die Mädchen sahen am liebsten aus wie Sandra Dee; die Welt hörte am Stadtrand auf, und die Sorgen und Interessen der wohlbehüteten weißen jeunesse dorée reichten nicht viel weiter als zu Autos, Freundschaften und Musik. Von Korea und McCarthy sprach man nicht mehr, von Vietnam, LSD, Black und Red Power und Hippies noch nicht. Den leidgeprüften Amerikanern der siebziger Jahre erscheinen die fünfziger wie ein schöner ferner Traum, und die melancholische Erinnerung an diese heile, selbstzufriedene, von politischer Apathie und strammem Anti-Kommunismus geprägte Zeit hat den Nostalgiekult begründet.

"Unsere kleine Stadt" 1962, Samstagabend in Modesto, Kalifornien. "Rock Around the Clock" tönt aus den Radios, die Jugendlichen treffen sich bei Mel’s Drive-in und starten zum nächtlichen Autokorso durch das Städtchen: ein Ballett superschicker Stromlinienbabys mit frisierten Chassis und Motoren, im Grunde ein braver Tanztee auf Rädern, bei dem man sich anpflaumt, eine "dufte Biene" aufgabelt, fürchterlich angibt oder Liebesdialoge wie aus Filmmagazinen rezitiert. Kurze Haare mit Pomade und Elvis-Schmalztolle, Lederjacken, Bobbysox, Cola, Burgers, pausenlos Transistor- und Autoradio-Musik; Twist, Teens und Rock ’n’ Roll, Petting und Petticoats; ein Riesenschwoof in der High School, wo Tanzen noch eine akrobatische Schwerarbeit ist, und ein gefährliches Autorennen, bei dem wie durch ein Wunder keiner umkommt; eine kleine Schlägerei, ein kleiner Suff, ein kleiner boyfriend-girlfriend-Streit, eine Rocker-Gang, die Pharaohs heißt, sehr gefährlich tut und es bei relativ harmlosen Diebereien und Streichen beläßt.

Ein Hauch von Unschuld liegt über dieser Nacht und über der Periode (sagen wir: in der heutigen Perspektive auf sie). 1962, das war an der Schwelle vom Rock’ n’ roll zum Rock, von Eisenhower zu den Kennedys, vom provinziellen amerikanischen Optimismus zur Underground-Kultur, zur Politisierung des Campus, zu den Krisen, Attentaten und Demonstrationen. Noch hört man Bill Haley, Fats Domino, die Beach Boys, Diamonds, Platters, Regents, Buddy Holly – bald schon werden die Beatles oder Bob Dylan neue Töne anschlagen.

Vier Jungen und ihre festen, flüchtigen oder – von ferne erträumten Freundinnen verfolgt der Film während dieser einen Nacht in dem kalifornischen Kaff, und drei von ihnen sind autobiographische Reminiszenzen des 29jährigen Regisseurs George Lucas, der in Modesto aufwuchs. Die Freunde haben die Schule absolviert, zwei sollen am nächsten Morgen in ein College im Osten fahren (nur einer schafft den Absprung dann wirklich): erste Unruhe und Aufbruchstimmung, eine Vertrautheit, die erst im Augenblick der Trennung ganz bewußt wird, und Abschied – Abschied von der Heimat, von der Jugend und von einer Ära.

Auch George Lucas war Autonarr, Weiberheld und Musikfan. Die amerikanischen Filmgesellschaften blockierten diesem Regisseur viele ambitionierte Projekte, bevor sein Mentor Francis Ford Coppola, bei dem er assistierte, ihm die Produktion von "Graffiti" ermöglichte. Es gelingt Lucas vorzüglich, die Geschichte einer Gruppe von Jugendlichen zu erzählen und sie zugleich in die präzise Soziokultur einer Endphase einzubauen. Es ist ein Film wie eine Musikbox, die eine Nacht lang vor sich hindudelt: Der Soundtrack reißt nie ab, die Figuren scheinen nur Halluzinationen der Musik zu sein und die Songs nur der Bewußtseinsstrom der Figuren; Bilder wie von den Photorealisten gemalt, eine nächtliche Phantasie in Neon, sehr künstlich und sehr synthetisch, von dem Kameramann und Regisseur Haskell Wexler (den das deutsche Programmheft verschweigt) verdichtet zu einem impressionistischen Traum aus Glamour, Schwermut und leisem Humor.

Ist der vorbeirauschende Thunderbird-Schwarm des dicklichen, intellektuellen Curt, der etwas isoliert durch den Ort irrt und dessen (Abschieds-) Haltung der Film gelegentlich annimmt, nur ein Callgirl? Und ist Wolfman Jack, der legendäre Discjockey der frühen Rock’-n’-Roll-Jahre, dessen plärrende, krächzende, scheppernde Monologe zwischen den Songs den Film zu kommentieren scheinen, nur ein Techniker in einer verlassenen Radiostation, der präparierte Bänder einlegt?

Keine Desillusion, keine Kritik an diesem liebevoll erinnerten nächtlichen Ritual, das so banal, starr und hermetisch bleibt wie die Gesellschaft jener Jahre, kein Stimmungsbruch: Obwohl der Nachspann das betrübliche Geschick der vier Jungen mitteilt (warum eigentlich nicht auch das der Mädchen?), vermeidet "American Graffiti" die schwerlastige Bedeutung von vergleichbaren Generationen-Porträts wie "Denn sie wissen nicht, was sie tun", "Easy Rider" oder "The Last Picture Show". Lucas beläßt es bei der freundlichen Einladung an die heutigen Mittdreißiger, sich an ihre Teenagerzeit zu erinnern.

Daß der Film dennoch zu einem bejubelten Kultobjekt wurde, liegt wohl eher an der zur Zeit eifrig betriebenen Renaissance der fünfziger Jahre und an der Angleichung der heutigen Kinobesucher in Amerika an die geistige Verfassung der geschilderten Epoche. Die Entpolitisierung der Schulen und Universitäten ist vollzogen, die Ideale der Highschool-Absolventen von 1974 heißen wieder Erfolg, Geld, Freundschaften, Religion und privates Glück; 85 Prozent von ihnen, stellt das Gilbert Youth Research Center fest, sind bis auf die Bereiche Drogen und Sex völlig einig mit ihren Eltern, und ihre politische Einstellung ist "stabil konservativ". Genau das waren, bei aller Sympathie, auch die Protagonisten dieses Films. Wolf Donner