Von Horst Krüger

Hinterher, eigentlich erst Tage nach der Lektüre, beginnt einen die Frage zu beschäftigen, warum man gerade dieser Neuerscheinung in der verwirrenden Fülle der Herbsttitel so viel Sympathie, ja Respekt entgegenbringt. Um es im voraus anzudeuten: man hatte es nicht erwartet bei einem Autor, der nach seinem vortrefflichen Anfangserfolg "Der Kandelaber" von 1962 (einem Roman aus seiner DDR-Vergangenheit) im letzten Jahrzehnt sich vor allem einen Namen als Verfasser kürzerer Texte, als Hörspielautor, Herausgeber, Anthologist, als kundiger Rezensent und aktiver Literaturpolitiker gemacht hat. Dieses Geschäft der literarischen Vermittlung hat Gregor-Dellin vorbildlich besorgt, aber meistens zerfleddert es die erzählerische Substanz des Romanciers, wobei oft die inneren Abläufe entgegengesetzt sind: Ein Romancier, der nicht mehr weiter weiß, stürzt sich in die Vermittlung.

Nicht so hier: dieser Autor, der im literarischen Leben der Bundesrepublik unverändert eine vielfältig hilfreiche und vermittelnde Rolle spielt, legt jetzt einen Roman vor, der vorzüglich geschrieben, souverän komponiert, im handwerklichen Einsatz seiner eigenen Mittel ein Meisterstück, sein Meisterstück ist –

Martin Gregor-Dellin: "Föhn", Roman; Piper Verlag, München, 1974; 300 S., 28,– DM.

Sicher, man soll das Buch nicht in der falschen Ecke hochloben. Dies ist weder der München-Roman der siebziger Jahre (wie Koeppens "Tauben im Gras" immer der München-Roman der fünfziger Jahre bleiben wird), noch ein ambitionierter, blitzblanker Kriminalroman, Literaturthriller und Lesestoff für die Massen – wie ihn der Verlag jetzt offenbar präsentieren will. Er ist, obwohl äußerlich vergleichbar, auch nicht mit Truman Capotes Buch "Kaltblütig" auf eine Ebene zu stellen, denn er lebt nicht aus der geheimen Sympathie und Verstrickung des Amerikaners in die Poesie des Verbrechens. Er ist viel protokollarischer, nüchterner, eben deutscher. Wenn schon verglichen werden muß, würde ich ihn in die Nähe von Bölls jüngster Erzählung "Katharina Blum" stellen, denn auch hier geht es ganz in der Tiefe um die Frage, "wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann". Solche Themen liegen offenbar in der Luft, aber solche Vergleiche führen nicht weit. Man muß in der Biographie des Autors selber bleiben.

Gregor-Dellin hatte seit seinem glücklosen Roman "Einer" von 1965 als Romancier geschwiegen. Der Mißerfolg damals war verständlich: Ein merkwürdig introvertierter Briefmonolog, weltlos und wunderlich, der kaum größeres Interesse erregen konnte, er hätte denn von einem Kafka geschrieben werden müssen. Gregor-Dellins Stärke ist nun einmal, nicht der literarische Geniestreich; er ist eher ein behutsamer, sensibler Fortsetzer gesicherter Erzählformen. Seine geheimen Vorbilder, ob sie nun Thomas Mann, Alfred Döblin oder Dos Passos heißen mögen, sind spürbar, aber vorzüglich wird dieser Autor immer erst dann, wenn er diese traditionalistische Sensibilität mit einem kräftigen Weltstoff verbinden kann. Das ist hier der Fall. Er fabuliert nicht mehr "frei", er erzählt nach dem ebenso trivialen wie zutreffenden Motto, daß die besten Stoffe immer noch auf der Straße liegen, die Geschichte eines Banküberfalls mit Geiselnahme. Das Modell des vor einigen Jahren Schlagzeilen machenden Bankraubs in der Münchener Prinzregentenstraße wird nicht geleugnet; es ist deutlich erkennbar, aber nur als Handlungsskelett, also Rohstoff, den er sich erzählerisch aneignet, um die Gesellschaft der siebziger Jahre facettenreich zu porträtieren:

"Es war August, der siebente, Festspiel-Ende, verlängerter Schlußverkauf, Freitag. Morgenverkehr, irisierende Blendung auf den Dächern der schon in der Früh heißen Innenstadt. Die Kuppeln glänzten fiebrig in den Farben des Regenbogens, vom Kupfer neugedeckter Vorortkirchen bis zum Grün barocker Zwiebeltürme, dazwischen Himmelschwerter wie der gezackte Alte Peter, und am Ende aller Zufahrtsstraßen, aus welcher Richtung man auch kam, in der Mitte der Stadt die je nach Tageszeit und Blickwinkel zwischen Hell und Dunkel spielenden Turmhauben der Frauenkirche. Geriet man in ihre Nähe, schnitten die Dächer der benachbarten Straßen die Türme unter den Hauben ab; man fuhr vorbei und im Kreis."