Wir, Menschen verschiedener Nationalitäten, die sich in politischen Lagern der Sowjetunion befinden, wenden uns an Sie, weil die Entwicklung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bei uns ernsthafte Beunruhigung hervorruft. Gerade weil wir das Endziel der Konferenz – feste Grundlagen für friedliche Beziehungen in Europa und in der ganzen Welt zu schaffen – verstehen und gutheißen, können wir nicht gleichgültig zusehen, auf welchen Wegen man dieses Ziel zu erreichen sucht. Der Frieden kann nicht auf dem Weg endloser Konzessionen an die sowjetische Regierung erreicht werden. Für diese Behauptung haben wir allen Grund: Nur allzu gut wissen wir, was die Versprechungen sowjetischer Führer, was ihre Gesetze und schönen Worte wert sind. Die sowjetische Regierung kämpft für das Prinzip der Unverletzbarkeit der Grenzen – das ist vorzüglich. Aber sowjetische Panzer besetzten im Jahre 1956 Ungarn, im Jahre 1968 die Tschechoslowakei...

Von allen Tribünen verkünden sowjetische Machthaber den Kampf um Menschenrechte, unterschreiben Verträge und Erklärungen über die Wahrung der Rechte – und während sie so sinnlos kluge Reden führen, sperren sie Menschen in Gefängnisse, die es wagen, ihre Überzeugungen zu äußern und vernehmlich die Heiligkeit bestehender Dogmen zu bezweifeln. Solche Menschen werden eingesperrt, die, da sie sich nicht anpassen wollten, für die Entwicklung ihrer nationalen Kultur kämpften. Auch solche Menschen kommen ins Gefängnis, die sich bemühten, ihr Recht auf Emigration aus der UdSSR zu nutzen. Alle Andersdenkenden werden eingesperrt, denn ein Mitarbeiter des Innenministeriums hat erklärt: "Die Verkündigung der Menschenrechte ist für Neger verfaßt, nicht für euch".

Die Gesetze, nach denen man uns in den Lagern festhält, sind von Aufsehern für Aufseher verfaßt, und selbst jene kümmerlichen Rechte, die uns der Form nach garantiert werden, sind in der Praxis ungewiß. Sowjetische Vertreter und ebenso Presseleute des Westens schreiben viel über die Lage der Gefangenen in Chile und in der Republik von Südafrika, und das verstehen wir sehr gut, die wir uns in derselben Lage befinden.

Die Weltöffentlichkeit ist empört, daß man die Gefangenen auf der Insel Dawson zwingt, für sich selber ein Gefängnis zu errichten. Aber bei uns wird das ebenfalls als normal angesehen, und streng wird bestraft, wer sich weigert, solch eine Arbeit zu leisten. Die Gefangenen auf der Insel Tyrenna in der Republik Südafrika oder auf Dawson in Chile leiden unter Kälte und Hunger, aber auch in der Sowjetunion befinden sich die politischen Lager nicht gerade an den Gestaden des Schwarzen Meeres. Und 2500 Kalorien täglich in Form von eintöniger und vitaminloser Nahrung garantieren praktisch beim Fehlen (zwei

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Wörter nicht zu entziffern) im Laufe von einigen Jahren wenigstens Gastritis und Paradentose.

Uns erschießt man natürlich nicht, wie zu Stalins Zeiten, ohne Prozeß und Gericht, man bricht uns nicht die Rippen und schlägt uns nicht die Zähne ein. Aber man versucht, uns seelisch kaputtzumachen, moralisch zu töten und physisch bis zur Erschöpfung zu bringen. Man gibt uns keine Möglichkeit, normale Verbindung mit Angehörigen und Freunden zu halten, man versagt uns Zusammenkünfte und Übermittlungen. Wer treu zu seiner Überzeugung hält, wer auf persönliche Würde nicht verzichtet, auf den warten die Gefängnisse der Stadt (Wladimir Bukowskij, Moros, Wudka) oder die Irrenanstalt (Grigorenko, Pljuschtsch, Plachotnjuk, Lupynos, Schichanowitsch). Kommt man aber heraus, dann ist man mit dem Brandmal der Unzuverlässigkeit behaftet. Das Recht ist einem entzogen, in Städten zu wohnen, die Freizügigkeit ist eingeengt, es ist unmöglich, in seinem erlernten Beruf zu arbeiten und so weiter.