Als die "Selbstbewegliche" des Erfinders Carl Benz trotz dem sich sträubenden Motor die erste Fernfahrt bestanden hatte und am Pforzheimer Gasthof "Zur Post" angelangt war, bemerkte ein Zaungast zum Posthalter: "Jetzt könnt ihr eure Gaule totschlagen." Nicht, daß nun die Welt zum Pferdefriedhof gemacht oder die Speisezettel revidiert worden wären – die mittelbaren Folgen waren ja viel empfindlicher. "Tatsächlich", so liest man gleich nach der Szene mit Benzens "Benzine" von 1888, "leitete dieses Ereignis eine Revolution des Verkehrs, des Postwesens und des Gasthofes ein." Um das letzte geht’s in diesem großen, mit Abbildungen ungewöhnlich vielfältig und treffend illustrierten Buch von Gertrud Benker. Sein Titel heißt lapidar "Der Gasthof", der Untertitel deutet das kulturgeschichtliche Ansinnen an: "Von der Karawanserei zum Motel – vom Gastfreund zum Hotelgast" (Verlag Georg D. W. Callwey, München, 1974; 284 S., 444 Abb., davon 14 farbig, 88,– DM.) "Gastsein und Wirtsein sind offenbar menschliche Urzustände", erfährt der Leser und wird mit maßvoller Intensität erst einmal mit den "Wurzeln der Gastlichkeit" vertraut gemacht. Es folgen Mitteilungen, die weit farbiger sind, als die Kapitelüberschriften vermuten lassen: über Gastlichkeit "im öffentlichen Dienst", "als christliche Pflicht", als ein Verhalten "auf Gegenseitigkeit". Dann macht sich die Autorin an die Beschreibung des Gewerbes, seiner Einrichtungen und seiner Usancen. Sie tut es mehr erzählend als analysierend, belegt es unbefangen und treffsicher mit farbigen Zitaten aus manchmal überraschend gesprächigen belletristischen oder wissenschaftlichen Quellen. Sie berichtet unkompliziert und mit liebenswerter Naivität. Man lernt, während man unterhalten wird, und stolpert dabei über Binsenwahrheiten, die, wie man nun weiß, auch die Tiefkühltruhe nicht aus der Welt hat schaffen können: "Ein Gast und ein Fisch bleiben nur drei Tage frisch." Oder so: "Drei Tage Gast, vier Tage eine Last."

Manfred Sack