Er ist schon ein sonderbarer Heiliger, dieser Alexandra Jodorowsky, der sagt, er sei sein eigener Gott: Zirkusclown und Happening-Künstler, Comic-Zeichner und Karate-Meister, Pantomime und Filmemacher. Jodorowsky wurde 1930 in Chile geboren, lebte in Frankreich, Mexiko und in den USA, arbeitete mit den unterschiedlichsten Berühmtheiten von Maurice Chevalier bis Fernando Arrabal, gehörte zusammen mit letzterem und Roland Topor zu den Begründern der "Groupe panique" und wird seit vier Jahren als Geheimtip unter Cineasten gehandelt.

Jodorowsky, hager, schnauzbärtig, mit den gemessenen Gesten eines einsamen Guru, ist ein Meister der effektvollen Selbstdarstellung. Seine Interviews bersten vor Größenwahn und Mystifikationen, politischem Unfug und grobschlächtigen surrealistischen Parolen. "Immer wenn ich einen Film sehe, wird mir übel", sagt Jodorowsky. Pablo Neruda hielt er für einen Schwachkopf, André Breton für einen "duften Typ". Er will die Museen und die griechischen Tempel zerstören, findet die Franzosen idiotisch und möchte am liebsten auf einem anderen Planeten leben.

"Montana Sacra" – der Verleih mochte den Originaltitel "The Holy Mountain" nicht ins Deutsche übersetzen, um der Verwechslung mit einem Trenker- oder Ganghofer-Film vorzubeugen – ist der dritte Film dieses genialischen Sprüchemachers. Zuvor hatte er Arrabals Bühnenstück "Fando y Lis" für das Kino aufbereitet und einen Film gedreht, der vor vier Jahren eine enthusiastische Kult-Reputation in Greenwich Village genoß: "El Topo", eine wüste mexikanische Heldensaga, die mit Django ebensoviel zu tun hatte wie mit Jesus, eine blutige, brutale und höchst unterhaltsame Angelegenheit.

Auch "Montana Sacra" ist wieder ein ausgesprochen starkes Stück. Jodorowsky selbst spielt einen geheimnisvollen Alchimisten, der mit neun der Mächtigsten der Erde die Unsterblichkeit erlangen will. Doch weit ist der Weg zum heiligen Berg auf der Insel Lotus, wo die Gralshüter der Ewigkeit hausen. Und hart sind die Prüfungen, die die Auserwählten zu bestehen haben. Am Ziel folgt die Ernüchterung: "Wenn wir auch nicht die Unsterblichkeit erreichten, so doch wenigstens die Wirklichkeit. Wir haben in einem Märchen begonnen, und am Ende sind wir zum Leben gekommen. Wir sind nur Abbilder, Träume, Photographien... Das wirkliche Leben erwartet uns." Also spricht Jodorowsky, die Kamera zoomt zurück, gibt den Blick frei auf das technische Personal, weist den Film als Film aus.

Nicht nur diese verquält modische Pointe verstimmt den Betrachter, sondern auch und zumal Jodorowskys generelle Neigung, beinahe alle Strömungen jugendlicher Subkultur und gängiger Metaphysik in seinem "Heiligen Berg" zu verwursten: Jesus-Kult und Zen-Buddhismus, kabbalistische Rituale und Maya-Mystik, Drogen-Träume und surrealistische Happenings.

Dennoch läßt sich "Montana Sacra" nicht auf seine verschwommene Philosophie reduzieren. So wirr Jodorowskys Gedanken erscheinen, so grandios sind seine optischen Phantasien. "Montana Sacra" ist ein Fest für die Augen, ein atavistisches Spektakel von monströsem Zuschnitt und entschlossener Geschmacklosigkeit. Wie schon in "El Topo" häuft Jodorowsky bizarre Erfindungen, verblüfft den Zuschauer mit maßlosen Bildern: Da quält sich ein bleicher Jesus durch einen Berg von Tausenden von Jesuspuppen, da kämpfen prächtig kostümierte Salamander und Kröten die Schlacht der Spanier gegen die Azteken. Flamingos stolzieren ungerührt durch ein futuristischmystisches Dekor mit riesigen Tarockkarten an den Wänden. Für zwei Einstellungen taucht ein ausgewachsenes Nilpferd in einem Marmorbad auf und weicht ohne große Umstände der nächsten Sensation.

Für die 1,5 Millionen Dollar seines Produzenten Allen Klein, der einmal Manager der Beatles war, hat sich Jodorowsky ein surrealistisches Disneyland gebaut, einen aberwitzigen Zirkus der Menschen, Tiere, Sensationen, wie er eben nur noch im Kino möglich ist. Wenn Jodorowsky in diesem Supermarkt der blutigen und erotischen Halluzinationen die Puppen tanzen läßt, erfüllt sie die Vision vom Kino als purem Spektakel, das keinen ästhetischen und ideologischen Normen gehorcht außer seinen eigenen. Dieses Kino, das zurückgeht auf Georges Méliès, ist von den Bürokraten und Missionaren der Industrie längst verboten worden. Der Außenseiter Jodorowsky hat es noch einmal realisiert. Dafür gebührt ihm Respekt. Hans C. Blumenberg