Ende letzter Woche ließ das Amtsgericht München auf Antrag der Münchner Staatsanwaltschaft sämtliche Kopien eines amerikanischen Films beschlagnahmen: Sam Peckinpahs "Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia", so befand das Gericht, stelle "die Gewalt als akzeptable, zumindest jedoch nicht verwerfliche Lösung von Konflikten und zur Erreichung von Zielen" dar; er lasse "jegliche kritische Stellungnahme gegenüber (seinen) unmenschlichen Vorgängen vermissen"; und auch "künstlerischen Wert" besitze er nicht.

Also verstoße der Film gegen den Paragraphen 131 StGB, der seit November 1973 die schriftliche und bildliche "Verherrlichung oder Verharmlosung" von "Gewalttätigkeiten gegen Menschen" unter Strafe stellt – und der, wie Verlegern, Verleihern, Redakteuren von Anfang an klar war, eifrigen Staatsanwälten ein solches Tätigkeitsfeld einräumt, verlegenen Gerichten einen solchen Ermessensspielraum zumißt wie früher nur der Pornographie-Paragraph, so daß bei seiner ausgiebigen Anwendung ganze Buch- und Film-Genres (Krimis und Western etwa) gerichtlich verboten werden könnten.

Bisher hat die neue Strafbestimmung nur Konfektionswäre betroffen: In einigen Fällen ging die Justiz – übrigens immer von München aus – gegen Hongkong-Eastern vor; nach einigen Schnitten, die nichts verdarben, weil es nichts zu verderben gab, war der Konflikt immer schnell aus der Welt geschafft. Jetzt trifft es zum erstenmal den Film eines Regisseurs von Weltruf; und die fünf Schnittauflagen des Gerichts sind so weitgehend, daß von dem Film nur ein lächerlicher und unverständlicher Schemen übrigbliebe, wenn der Verleih sich darauf einließe. Er wird sie nicht akzeptieren. "Alfredo Garcia" kommt damit zu der unverhofften Ehre, als Testfall die Gerichte noch eine Weile zu beschäftigen.

Wenn der Münchner Beschluß trotzdem kaum Aufsehen erregte, so mag das an einer allgemeinen Abstumpfung liegen: Nackte Mädchen beschämen kaum noch jemanden, Gewalttaten erschüttern nicht und gerichtliche Maßnahmen gegen sie ebensowenig. Sicher aber hängt es auch damit zusammen, daß dieser Film eine höchst fragwürdige Angelegenheit ist, für die sich niemand stark machen mag: teils Liebeskitsch aus dem schönen Mexiko, teils eine Schußwaffen-Orgie, bei der man tatsächlich darüber sinnieren mag, ob sie die kathartische Funktion erfüllt, die Peckinpah seinen Gewaltdarstellungen immer beigemessen hat: "Die Gewalttätigkeit in uns, in uns allen, muß konstruktiv ausgedrückt werden, oder sie vernichtet uns" (in einem Interview mit dem "Playboy").

Aber es ist etwas ganz anderes, ob die Kritik einen Film für mißglückt erklärt oder ob die Justiz ihn verbietet. Ein Gericht ist keine Rezensions-Instanz; die Unwägbarkeiten künstlerischer Produkte und ihrer Wirkungen überfordern sein grobes Begriffsraster.

Daß die Verharmlosung oder Propagierung von Gewalt ein Übel ist, darüber ist schnell Einverständnis erzielt. Leider nur läßt sich mit diesem Einverständnis zu wenig anfangen, um in anderen als den krassesten Fällen zu vertretbaren juristischen Schlüssen zu kommen.

Befreit die Darstellung von Gewalt von ihr, fordert sie zu ihr heraus? Ist die geschönte Gewalt ein stärkeres Brutalitäts-Aphrodisiakum als die ungeschönte? (Das Gericht fand die Morde in "Alfredo Garcia" zu genau gezeigt; ich fand sie im Gegenteil viel zu attrappenhaft, um irgendeine Betroffenheit zu erzeugen.) Und wo gar fängt die Kunst an, wo hört sie auf? Paktiert nicht von jeher vieles in der Kunst mit einer untergründigen Lust an der Gewalt? Täte es Peckinpah dann nur etwas bewußter? Die "Ilias" verherrlicht Gewalt und das "Nibelungenlied" auch; der "Kunstvorbehalt" ist ihnen wegen ihres Alters sicher. Einem zeitgenössischen Werk muß er erst mühsam sichergestellt werden; wie in den Pornographie-Prozessen müßten also wieder Experten vor den Richtern paradieren und Haarspaltereien von sich geben. Es schien, daß wir diese Farcen hinter uns hätten. Es schien nur so. Darum kann es nicht egal sein, was aus "Alfredo Garcia" wird. Wenn "Afredo Garcia" beschlagnahmt bliebe, müßten auf Grund der gleichen Kriterien, demnächst Bücher und Filme beschlagnahmt wenden, um die es wirklich schade wäre.

Dieter E. Zimmer