ARD, Montag, 26. August: "Goethe: Dokumentation zum ,Faust I‘"

Hoffentlich stimmt, was Fernsehzeitschriften melden; daß noch nicht alle dreizehn Folgen "Goethe" gedreht sind, der größten literarischen Dokumentation, die das Deutsche Fernsehen, nach italienischem (Michelangelo) und englischem (Shakespeare) Vorbild, aufzeichnet. Denn nach der ersten Sendung (des Düsseldorfer Germanisten Herbert Anton, Regie: Günter Andreas Pape) über "Faust I" ist Schlimmes zu befürchten. Der 225. Geburtstag des Dichters am 28. August kam dem Hessischen Rundfunk gelegen, sein kühnes Unternehmen, das 1975 alle Dritten Programme ausstrahlen, von einem Mitternachtspublikum des Ersten Programms testen zu lassen. (Am 2. September folgt, wieder als Spätschicht, ein zweites "try out" mit Adelheid Schaefers 45-Minuten-Film über den vor zweihundert Jahren erschienenen Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers".)

Auf exemplarische Weise zeigt der "Faust I"-Film, was man im Fernsehen nicht machen darf. Anspruchsvoller Text ("Fausts Eros ist die Sehnsucht nach dem Absoluten"), eine durch weite Museumssäle, über Vitrinen und an Buchrücken entlang spazierende Kamera, kaum Großaufnahmen, also keine Konzentrationsmöglichkeit für Aug’ oder Ohr, Beliebigkeit der ausgewählten Bilder, Zufälligkeit der (im Studio scheußlich) nachgestellten Szenensekunden. Wer von "Faust" nichts, weiß, wird nicht klüger; wer sich in der "Faust"-Literatur und in der Bühnentradition ein bißchen auskennt, erlebt ein paar Aha-Momente. Wer Goethe als den großen Langweiler fürchtet (wie die meisten der interviewten Theaterbesucher, deren Antworten während des Vor- und Nachspanns eingeblendet werden), darf sich bestätigt fühlen.

Statt Beschränkung auf wenige wichtige Daten und Szenen, die in einigen einprägsamen Bildern vergegenwärtigt werden könnten, geht die wilde Jagd vom legendären Georg Faust aus Knittlingen über Marlowe, die Volksbücher zu Goethe, der im szenischen Digest präsentiert wird, und dann, weil man ja kritisch aufklärerisch ist, zur falschen nationalistischen Interpretation und zur fatalen Wirkungsgeschichte des "Großen Einzelnen" – bis hin zu malerisch verstreuten Büchern über Hitler und Mao. Ein gespenstisches Vier-Semester-Hauptseminar im Zeitraffer.

Weil das Heidelberger Apothekenmuseum mit Tiegeln, Kolben und rot züngelnden Flammen fernsehtauglich ist, darf ein (in diesem Zusammenhang sinnloses) chemisches Experiment kostbare Minuten fressen. Dafür geht’s anschließend im vierten Gang durch Goethes Dichtung. Mal eine zeitgenössische Illustration und vier gekeuchte Verse, mal müssen bedauernswerte Schauspieler ganze Szenen auf einen Satz einkochen. Goethe als Brühwürfel.

Man hört Verse und weiß nicht, was sie bedeuten; man sieht Bildchen (selten: Bilder) und weiß nicht, wen oder was sie darstellen. Von böser Prophetie: für Sekunden erscheint auf der Flimmerwand der Schattenriß einer Dame; daß es Goethes Geliebte Frau von Stein ist, wird nicht gesagt; dafür kommt aus dem Kasten die Drohung: "Krisen zeichnen sich ab."

Rolf Michaelis