Wigratzbad! Allgäu

Zum Verkaufsschlager der 200-Seelen-Gemeinde Wigratzbad im Allgäu sind Plastikkanister geworden, – der kleinste zu 1,20 Mark. Allwöchentlich schleppen Hunderte von Fremden in diesen Kunststoffbehältern das Wasser des Ortes nach Hause. Denn was in Wigratzbad aus dem Brunnen fließt, soll nach Ansicht der Gläubigen wundersame Wirkung haben. Mehr als 300 Zeugnisse, Briefe, Dankesurkunden, zum Teil mit eidesstattlicher Erklärung, liegen im Archiv der Gemeinde, die sich nur durch Mundpropaganda inzwischen zu einer Art "Lourdes des Allgäu" entwickelt hat. Sehr gegen den Willen des zuständigen Bischofs in Augsburg übrigens!

Nach einem Testbesuch entschied das Bischöfliche Ordinariat, Wigratzbad sei offiziell nicht als Wallfahrtsort zu bezeichnen – und folglich die Wassersuchenden auch nicht als Pilger. Die Kirchenoberen räumten dem frommen Ausflugsziel nur den Titel "Gebetsstätte" ein und kündigten eine Stellungnahme für den Herbst an.

Solange aber wollen die Gläubigen offensichtlich nicht warten. An jedem Wochenende und an den festgesetzten Gebetstagen parken bis zu 30 Busse und Hunderte von Pkw’s aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz auf Wigratzbader Feldern, Scharen vor allem älterer Heilsuchender stürmen die Lourdesgrotte und die Kapelle des Einöddorfes, das durch Telephonauskunft kaum zu lokalisieren ist.

Während der regelmäßigen Sühnennächte, die jeweils von Donnerstag auf Freitag gehalten werden, müssen die zuletzt angekommenen Beter schon im benachbarten Speisesaal des Pilgerheims Platz nehmen, wo es frühmorgens dann verlockend nach Hefekuchen und Kaffee riecht. Per Lautsprecher wird die Andacht hierhin übertragen. Und diese moderne Anlage ist eine der wenigen modernen Errungenschaften, die die betagten priesterlichen Betreuer im Zusammenhang mit der Marienverehrung in Wigratzbad gelten lassen. "Wir halten unsere Messe noch im alten Stil und nicht so, daß die Leute durch die heutzutage üblichen modernen Predigten völlig verunsichert. werden", erläutert der 77jährige. Pater Johannes, einer der treuesten Anhänger der Heilbewegung und Vizepräsident des lokalen Vereins "Maria vom Sieg e. V.".

Vereinsgründerin ist die nunmehr 75 Jahre alte Antonie Rädler. Sie ließ 1936 in der dörflichen Abgeschiedenheit eine Lourdesgrotte errichten, als Dank für ihre Rettung aus Gestapohaft. Später fahndete sie mittels eines Rutengängers erfolgreich nach der heilenden Quelle, deren Wasser heute viele Hilfesuchende wundersame Wirkung zusprechen. Auf Schallplatten und in einem Mirakel-Büchlein werden die "Erfolge" eines angeblichen Heilwunderwassers, verbunden mit festem Glauben, recht lebhaft geschildert. Den Asthmakranken Josef K.(30) aus Füssen beispielsweise brachten vier Männer mehr tot als lebendig in die Kapelle. Nach fünf Schluck Wasser – so versichert die Geschichte – war er gesund. Eine Schülerin, die von einer unheilbaren Hautkrankheit befallen war, soll durch die Wigratzbader Quelle schnell von ihrem Leiden befreit worden sein. "Eines Tages" – so hofft Pater Johannes – "wird Rom all diese Fälle untersuchen".

Bis dahin aber dürfte längst ein neues imposantes "Zelt Gottes" an Stelle der alten Kapelle stehen. Denn der offenbar durch Spenden, Messenlesen und Devotionalienverkauf recht finanzkräftige Verein "Maria vom Sieg" beauftragte vor zwei Jahren den Kölner Architekten Professor Gottfried Böhm, eine außergewöhnliche Superkirche zu bauen. Für mehr als 2,5 Millionen Mark entsteht derzeit in Wigratzbad eine Zeltlandschaft aus Stahl und Trapezblech. Mehr als 2000 Pilger werden darin Platz haben. Neben dem Altar ist ein "Parkplatz" für Rollstuhlfahrer geplant und im Vorhof des Blechdoms können die Wallfahrer dann aus einem neuen Brunnen das Wasser schöpfen. Brigitte Zander