Die Salpeterpampa

Zwölf Tage nach dem Sturz und Tod seines Freundes Salvador Allende, am 23. September 1973, starb in einem Krankenhaus von Santiago der chilenische Dichter, Diplomat, Kommunist, der Nobelpreisträger Pablo Neruda. Sein Haus in Isla Negra wurde geplündert und verwüstet. Zunächst hieß es, dabei seien auch Manuskripte verschwunden, vor allem das Manuskript seiner Memoiren, die er wenige Tage vor seinem Tode hastig beendet hatte, so daß sie sogar noch einige Bemerkungen über den Umsturz in Chile enthielten. Das Gerücht erwies sich als falsch: Die Manuskripte hatte seine Frau in Sicherheit gebracht, die Memoiren erschienen vor wenigen Wochen in Spanien. Im Oktober werden sie, übersetzt von Curt Meyer-Clason, vom Luchterhand Verlag in deutscher Sprache unter dem Titel „Ich bekenne, ich habe gelebt“ herausgebracht. Der Hessische Rundfunk wird sie vom 17. September an im zweiten Hörfunkprogramm in vierzig Folgen ungekürzt senden. Die ZEIT druckt hier, als erste Zeitung in Deutschland, zwei charakteristische Kapitel.

Gegen Ende 1943 kam ich wieder nach Santiago. Ich richtete mich im eigenen, auf langfristige Abzahlung erworbenen Haus ein. In diesem von großen Bäumen umstandenen Heim brachte ich alle meine Bücher unter und begann nochmals das schwierige Leben.

Von neuem ging ich auf die Suche nach den Herrlichkeiten meines Vaterlandes, der starken Schönheit der Natur, dem Zauber der Frauen, der Arbeit meiner Gefährten, der Intelligenz meiner Landsleute.

Das Land hatte sich nicht verändert. Felder und schlummernde Dörfer, schreckliche Armut in den Bergwerksgebieten und die eleganten Leute, die ihren Country Club füllten. Ich mußte mich entscheiden.

Meine Entscheidung brachte mir Verfolgungen ein, aber auch Sternstunden.

Welcher Dichter hätte das bereut?