Von Jürgen Werner

Menschen im Hotel. In diesem Fall das "Intercontinental" in Düsseldorf, das aus Anlaß des Pokalendspiels zwischen Frankfurt und dem HSV für zwei Tage zum Zentrum des bundesrepublikanischen Fußballs wurde. Wir hatten uns zu unserem Gespräch im Foyer des Hotels verabredet. Helmut Schön, der Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, saß an einem Tisch mit Wolfgang Mischnick, dem Fraktionsvorsitzenden der FDP im Bundestag, bemerkte mich aber sofort, als ich die Halle betrat. So wie er später während unseres eineinhalbstündigen Gespräches jeden sah, viele grüßte, manchem etwas zurief – etwa "wir sehen uns gleich noch" – und trotzdem stets bemüht war, sich auf den Gesprächspartner zu konzentrieren, wirkte er wie sensibilisiert durch den dauernden Anspruch der Öffentlichkeit – Journalisten, Funktionäre, Politiker, Trainer, Privatleute –, sich ihnen zu zeigen, einen oder auch mehrere Sätze mit ihnen zu wechseln.

"Ich bin nie mehr allein, stehe dauernd im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dem Streß ist man nicht 20 oder 25 Jahre gewachsen. Lieber wäre ich wieder anonym" – diese Sätze bedeuten keine Koketterie für ihn. Denn Ende 1975 läuft Schöns Vertrag mit dem DFB aus, bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien wird er nicht mehr die schwere Bürde des Erfolgszwanges tragen. "Ich hab’ doch alles erreicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich darunter gelitten habe – in England 1966 Zweiter, in Mexiko 1970 Dritter, also war doch klar, daß alle von uns im eigenen Lande wie selbstverständlich den Titel erwarteten" – das Trauma eines Trainers, das zusätzlich verstärkt worden war durch den Titelgewinn einer deutschen Mannschaft 1954 in der Schweiz (3:2 gegen Ungarn), an dem sich die Erwartungshaltung der Fußballfans alle vier Jahre erneut orientierte.

"Meine Entscheidung bedeutet keine Feigheit, keine Resignation, sondern ist ein Akt der Vernunft." Als Helmut Schön auf mich zugekommen war, wie fast immer, lächelnd, in den Hüften leicht abgeknickt und dadurch den Oberkörper etwas vorgebeugt, die ganze Fußsohle aufsetzend, wirkte er auf mich eigentlich wie schon 1962 in Chile bei der Fußballweltmeisterschaft, als er noch Assistent Herbergers, ich noch Spieler gewesen war – der Vermittler mit viel Verständnis und Verstand, konziliant und stets zu Kompromissen bereit. Allerdings offenbarten die scharfen Falten im Gesicht, der Hinweis auf die schwere Operation, die ihm nur ein Drittel seines Magens beließ, die Bemerkung, daß mehr als zehn Jahre Verantwortung für die deutsche Fußballnationalmannschaft genug seien, mehr als die nachfolgenden Beteuerungen, es gehe ihm körperlich und seelisch optimal, daß der Bundestrainer fast am Ende seines Weges ist.

"1964 wurde ich Herbergers Nachfolger, 1972 wurden wir Europameister, 1974 Weltmeister. Dahinter steckt ein mordsmäßiger Erfolgszwang, dem ich mich nicht mehr gewachsen fühle." Was sagt das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dazu? Es hatte in Düsseldorf getagt, Entscheidungen über künftige Länderspiele getroffen – zum 75jährigen Jubiläum des DFB im nächsten Jahr soll, wenn möglich, der Olympiasieger von 1972 und Dritter der diesjährigen Weltmeisterschaft, Polen, der Gegner sein –, mit den Bossen der Bundesliga über Fernsehen und Fußball diskutiert – 3,6 Millionen sollen an die 18 Vereine der Bundesliga, 800 Tausend an die 40 Vereine der 2. Liga für die Übertragungsrechte gezahlt werden – und sicherlich auch Bilanz der erst sechs Wochen zurückliegenden Fußballweltmeisterschaft gezogen.

"Ich bin nur ein Angestellter des DFB und werde zwar nach meiner Meinung und um Rat gefragt, aber Entscheidungen treffen andere" – der Hamlet des Fußballs kommt wieder zum Vorschein, vorsichtig und immer wieder seine Worte wägend, oft genug zuwenig wagend. "Bis heute weiß ich nicht, ob ich eine Prämie für die Erringung der Weltmeisterschaft bekomme, und wenn ja, wie hoch sie sein wird." "Dann sind Sie also der letzte Idealist in einem Kreis von professionellen Materialisten?" Die Assoziation zu den Querelen um die von den Spielern kurz vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft geforderten 60 000 Mark Erfolgsprämie für den Titelgewinn liegt nahe. 70 000 Mark erhielten schließlich alle 22 Teilnehmer.

Helmut Schön versucht vergeblich den Unterschied herauszuarbeiten. Er spricht von der Mentalität der Spieler, die ja schließlich Profis seien, verweigert allerdings die Antwort auf die Frage, ob er die gezahlten Summen für angemessen halte, und fügt gleichsam als Entschuldigung hinzu, daß die Einstellung der Spieler zu ihrem Sport heute die gleiche sei wie zu seiner aktiven Zeit. "Ich wäre von München nach Malente zu Fuß gelaufen, um in der Nationalmannschaft spielen zu können." Ich will Maier und Müller heißen, wenn diese Wahrheit noch heute gilt. Er habe sich weitgehend aus finanziellen Dingen rausgehalten, bei den Spielern allerdings bremsend versucht, Einfluß zu nehmen. Beckenbauer habe ihn informiert, bevor dieser dann mit Neuberger, dem Vizepräsidenten des DFB, gesprochen habe.