Wie schlecht – oder wie gut – geht es uns eigentlich? Haben wir für Stabilitätspolitik keine Zeit mehr?

Die Nervosität wächst. Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht aus berufenem und weniger berufenem Munde Ratschläge zur Konjunkturpolitik erteilt werden. Es vergeht allerdings auch kein Tag, an dem nicht neue Nachrichten über Kurzarbeit, Entlassungen und Firmenpleiten die Öffentlichkeit beunruhigen.

Verständlich ist es schon, daß sich viele Bürger dieses Landes, angesichts der Aufregung vieler "Experten" zunehmend verunsichert, heute fragen, wie es wohl weitergehen wird: Bringt der Winter wirklich mehr als eine Million Arbeitslose? Erkaufen wir eine "Preisstabilität", die bei einer Inflationsrate von rund sieben Prozent diesen Namen kaum noch verdient, mit der Gefahr politischer Instabilität? Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung sind in Deutschland schon mehrfach im Gleichschritt marschiert.

Wie so oft hängt die Antwort vom Standpunkt ab, den man einnimmt. Betreiben wir deutscheNabelschau, so geht es uns in der Tat schlecht: 1974 wird ein Rekordjahr der Pleiten, Die Zahlder Arbeitslosen ist beängstigend hoch (sieheSeite 40); die Zahl der offenen Stellen ist beunruhigend niedrig. Die Inflation zehrt den größten Teil der Einkommenssteigerungen auf und nagt an den Ersparnissen. Der Export läuft auch nicht mehr so gut wie im ersten Halbjahr.

Betrachten wir die deutsche Situation vom Standpunkt eines Briten oder Italieners, dann befindet sich die Bundesrepublik allerdings in einer beneidenswerten Lage: Nach internationalem Maßstab gelten selbst drei Prozent Arbeitslosigkeit durchaus noch als Vollbeschäftigung (und wir haben "nur" 2,2 Prozent). Angesichts von über 11 Prozent Preissteigerung in den USA, mehr als 15 Prozent in Großbritannien oder gar 22 Prozent in Japan ist die Bundesrepublik mit 6,9 Prozent geradezu eine Insel der Stabilität. Und was zur Zeit am wichtigsten ist: Während fast alle anderen großen Industrieländer infolge der Ölpreiserhöhung beängstigende Defizite in ihrer Außenhandelsbilanz verbuchen müssen, wird die Bundesrepublik trotz der hohen Energierechnung in diesem Jahr wieder einen Rekordüberschuß (erwirtschaften. Über, die Stabilität der Demokratie brauchen wir uns ebenfalls nicht so ernste Gedanken zu machen wie einige unserer Nachbarn.

Natürlich wäre es töricht, die Augen vor unseren inneren Problemen zu verschließen, nur weil es anderen Ländern noch weit schlechter geht. Es gibt keinen Grund, einfach die Hände in den Schoß zu legen. Aber genausowenig dürfen wir in das andere Extrem verfallen und glauben, wir könnten uns vollständig von der wirtschaftlichen Entwicklung in der übrigen Welt abhängen.

Aber gerade weil wir mit unseren Partnerländern ökonomisch so eng verflochten sind und unser wirtschaftliches und politisches Schicksal nicht von ihnen trennen können, muß die Stabilitätskur weiterverfolgt werden. Denn wenn selbst die Bundesrepublik den Kampf gegen die Inflation verliert, kämpfen die Stabilitätspolitiker in unseren Nachbarländern vollends auf verlorenem Posten. Vor allem Frankreichs Regierung weist immer wieder auf das deutsche Beispiel hin, um der eigenen Bevölkerung ihre Maßnahmen verständlich zu machen.