Athen setzt alle Hoffnungen auf Europa

Von Karl-Günther Renz

Für Konstantin Karamanlis sind Journalisten ein Greuel. Sie stehlen ihm Zeit, so mag er denken, und sie stellen Fragen, die er weder beantworten kann noch will. Seine Devise ist die Diskretion. Jedes laute Wort wird vermieden. Die Möglichkeit, über Interviews mit ausländischen Journalisten Politik zu betreiben, wie es andere Staatschefs meisterhaft verstehen, ist ihm bis jetzt noch nicht in den Sinn gekommen.

Hat man dennoch den Vorzug, im kleinen Salon seines Appartements im fünften Stock des antiquierten Nobel-Hotels Grande Bretagne von ihm empfangen zu werden, so muß man sich an gewisse Spielregeln halten. Kein Notizblock, keine Fragen zu unmittelbar politischen Ereignissen. "Der Premier bevorzugt die Unterhaltung, das Gespräch", sagt ein Vertrauter. Und wenn Karamanlis schließlich zu sprechen beginnt, fällt kein Satz zuviel. Kerzengerade aufgerichtet, das Gesicht verschlossen und fast ein wenig hochmütig, verbreitet er die Aura kühler Distanz um sich – halb Hagestolz, halb Feudalherr. Seine Autorität füllt den Raum und heischt Respekt.

Er ist ganz harte Linie, was den türkischen Nachbarn betrifft. Seine innenpolitischen Schwierigkeiten deutet er an, betont jedoch auch seinen Optimismus, wenn er von der geplanten Entwicklung seines Landes zur Demokratie spricht. Der Rest ist Schweigen. Lieber sagt er nichts, als daß er zur Lüge greift. Seine beiden Fernsehreden an sein Volk waren ein Muster von Kargheit.

"Der hat dem Volk ja überhaupt nichts gegeben", registrierte ein deutscher Kollege mit Unmut, nachdem Karamanlis den Griechen beim zweiten Höhepunkt der Zypernkrise klargemacht hatte, daß die Vernunft einen kriegerischen Akt gegen die Türkei ausschließe. Karamanlis wollte dem Volk die Erkenntnis der erlittenen Demütigung nicht ersparen. Mit dem Mut der Verzweiflung soll es an den Wiederaufbau der Nation gehen.

Vielleicht hätte Karamanlis einen anderen Kurs eingeschlagen, wenn die griechische Armee einsatzfähig gewesen wäre. Aber wie die Junta auf allen anderen Gebieten versagt hat, so hat sie auch auf ihrem ureigenen Sektor ohne Erfolg operiert. Die Streitkräfte sind in einem beklagenswerten Zustand, der eine bewaffnete Intervention ausschließt. Karamanlis hat den Führungswechsel in der Armee nicht nur vollzogen, um das Fundament seiner Regierung zu festigen; der Generalsschub ergab sich auch aus der Erkenntnis, daß die Mehrheit der militärischen Führer absolut unfähig war. Der Munitionsbestand hätte mit Mühe und Not für drei Tage Krieg gereicht. Und die Moral der Truppe reicht für einen erfolgreichen Feldzug ebensowenig aus. Wie das Land, so ist auch die Armee tief gespalten. Noch heute hängt der Phönix, das verbannte Symbol der Junta, in einigen Kasernen. Und noch ist auch in der Verwaltung der alte Geist nicht überall verschwunden.