"Der Tausch", Erzählung von Jurij Trifonow. Was Alexander Twardowskij für die russische Literatur bedeutet hat, erfährt nun allmählich auch der deutsche Leser aus der Praxis: Die meisten russischen Texte, die seit 1970 ins Deutsche übersetzt worden sind, stammen aus den sechziger Jahrgängen des "Nowyj Mir"; als Twardowskij noch Herausgeber war; auch Trifonows Erzählung wurde 1969 von ihm herausgebracht. In Vordergrund der präzisen und treffsicheren Prosa Trifonows steht die erinnernde Rekapitulation einer in die Brüche gehenden Ehe; in inneren Monologen, die nur nie und da durch Mitteilungen über äußere Ereignisse unterbrochen werden, beschwört der Ingenieur Dmitrijew die Stationen seiner Ehe. Schon immer wollte er seine Frau Lena dazu überreden, in die Wohnung seiner Mutter umzuziehen; Lena war immer strikt dagegen, im Laufe von elf Jahren hat sie alles getan, um die Bindungen ihres Mannes an seine Familie zu zerstören. Doch als die Mutter an Krebs erkrankt, ändert Lena plötzlich ihre Meinung und setzt alle Hebel in Bewegung, um in den Besitz der schönen, großen Wohnung zu gelangen. Trifonows leise angedeutete Kritik richtet sich nicht gegen Lena, er sieht in ihr ein Opfer des Systems, das selbst aus dem liebenswertesten Menschen eine Hyäne zu machen vermag. Um die im Wesen eines Systems liegende Inhumanität zu demonstrieren – so liest man zwischen den Zeilen – braucht man nicht erst in Höllenkreise hinabzusteigen; das Alltäglichste und Unscheinbarste reicht, um die Demoralisierung des Menschen in einer menschenfeindlichen Umwelt zu zeigen. (Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe und Helen von Ssachno; Serie Piper 79, Piper Verlag, München, 1974; 87 S., 8,– DM.) Mario Szenessy

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"Ich hab’ dir nie einen Rosengarten versproden", von Hannah Green. Formal ist dieser "Bericht einer Heilung" romanhaft erzählt in der Perspektive des "allwissenden Erzählers", der seine Figuren von außen wie von innen sehen kann. Doch die Erlebniswelt einer jungen Schizopirenen, ihr Kampf um ihre Krankheit, in der sie sich gegen eine wenig einladende Realität verschanzt hat, und das Anstaltsmilieu, in dem hinter Routine und Brutalität die Angst lauert und nur die Patienten ehrlich sein können, sind mit einer Authentizität geschildert, die an der dokumentarischen Substanz des Berichtes keinen Zweifel läßt; auch die berühmte Ärztin Dr. Fried, die in geduldigem therapeutischen Gespräch die innere Wahrheit des Wahns sich hervorarbeiten läßt, bis er nach dem letzten Rückfall endgültig aufgegeben werden kann, ist unschwer zu identifizieren. Packend erzählt, erlaubt der Bericht einen Blick in die Alptraumwelt psychotischen Fühlens und zugleich in jene banalen Schrecknisse familiärer Alltäglichkeit, denen der sogenannte Geisteskranke ein solches Inferno vorzieht. Angesichts der unglaublich sensiblen zwischenmenschlichen Wahrnehmungsfähigkeit des angeblich abgestumpften "Geisteskranken", die der Bericht bezeugt, fragt man sich, weshalb in der Experten-Kommission, die für das Bundesgesundheitsministerium an der Psychiatriereform arbeitet, keine ehemaligen Patienten sitzen; sie haben für mandie Aspekte des Problems mehr Expertenkompetenz als Psychiatrieprofessoren. (Radius-Verlag, Stuttgart, 1973; 236 S., 19,– DM.)

Hans Krieger

"Deutschland deine Berliner", von Dieter Hildebrandt. Wer kennt sie nicht, die furchtlosfixen Athleten des Schnäuzchens, die weniger flinke Stämme "verwegen" zu erschrecken pflegen – bis zum heutigen Tag? Dieter Hildebrandt unterstützt die seit langem herrschende Meinung über die Berliner. Was sind das für stets an der Spitze stürmende, Jahrhunderte herausfordernde wie formende Himmelhunde da, die Preußen, die Dialektik, doch wohl auch den Steglitzer Kreisel erfanden. Was für elegante Köpfe, die niemals hungerten, weder Lohntüten noch Schwitzflecke kannten. Hildebrandt als zärtlicher Apologet des Potemkinschen Dorfes an der Mauer unterhält ganz ausgezeichnet, amüsiert und informiert. Der Leser bekommt den Eindruck, nein, soll ihn bekommen, als sei Berlin eine Art Sinnestäuschung: Hält der Autor den Atem an, hört es auf zu existieren. Das heißt, falls dieser Leser nicht zu den 80 Prozent Volksschülern in beiden Deutschlands gehört, die derart intellektuelles Ballett gewiß nicht verstehen. Und ist nicht von einer so geschichtsträchtigen, derart von Gesellschaftsordnungen gebeutelten Stadt zu erwarten, daß da Leute wohnen, die nicht nur Denkapparate, sondern auch Bauch und Gesäß haben? Sowie Quetschfalten im Gesicht? Sowie Angst und einen gehörigen, übrigens amtsärztlich bescheinigten Berlinkoller? Mit feinem Empfinden geht Hildebrandt ebenfalls dem Thema Nummer eins aus dem Weg, zelebriert den Spitzentanz direkt auf der Mauer und macht diese durch solchen Trick mit der Optik unsichtbar. (Ein verwegener Menschenschlag, gegengezeichnet von Heide Luft; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1973; 180 S., 17,80 DM.) Marianne Eichholz

"Männergeschichten", von Anna Zaschke. In klassischer Kulisse, Schloß mit Park und Butler und gepflegter Langeweile, treffen einige Damen zu einer affektierten Abendplauderei, zusammen. Ihr Thema: die Psyche des Mannes. Jede Dame, das Angebot reicht von erfolgreicher Schauspielerin bis zu geschiedener Dichtersgattin, erzählt ein pikantes Histörchen aus ihrem erotischen Erlebnisbereich; – zehn Partyteilnehmer, zehn Geschichten. Die "Moral" dieser Geschichten: Emanzipierte Damen verkaufen sich selber, bestimmen selbst ihren Wert und Preis. Sie suchen keine Ehemänner mehr, sondern Lustgewinn. Sie stellen Forderungen an den Mann, ja Ansprüche. Der fettleibige Geschäftsmann wird verschmäht, statt dessen der schlanke Kellner mit der Torero-Figur erwählt. Höhepunkt dieser vorurteilsfreien, emanzipatorischen Leistung: der dicke Geschäftsmann ist Deutscher, der Kellner Jugoslawe. Die Schauspielerin läßt, sogar, einen Kritiker abblitzen, der nicht unerhebliche Qualitäten als Lebemann besitzt. Selbstverständlich verweigern sich die Damen nie aus moralischen Bedenken, sondern nur, wenn ihnen der betreffende Interessent als Mann nicht liegt. Allerdings werden die sexuellen Bedürfnisse der emanzipierten Damen nicht immer erfüllt: Der eine oder andere Auserwählte bleibt frühzeitig auf der Strecke. Das alles könnte amüsant sein. Leider sind Anna Zaschkes Damen viel zu gelangweilt und angestrengt, viel zu eitel und geschwätzig, als daß ihre verschnörkelten Sexberichte ein Spaß für den Leser sein könnten. (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1974; 108 S., 3,80 DM.) Monika Sperr