Von Jürgen Claus

Im Herbst 1907 wurde in München der "Deutsche Werkbund" gegründet, der Künstler, Industrielle, Architekten, Kunstpädagogen, Entwerfer zusammenfaßt. Hier stellen sich am Beginn des Jahrhunderts programmatisch die Fragen nach künstlerischer wie kunstgewerblicher Produktion in der industriellen Ära, nach der Ausbildung und den Ausbildungsstätten, der Typisierung in der Architektur, der Einflußnahme auf die Kunstpolitik.

Diese Fragen werden von jenen beantwortet, die für uns heute auf dem Gebiet der Gestaltung die ersten Jahrzehnte verkörpern, von Männern wie Walter Gropius, Henry van de Velde, Mies van der Rohe, Bruno Taut, Hermann Muthesius. Wie die Antworten weit in die Geschichte zurückgreifen, zum anderen aber den "Zeitgeist" vor dem Ersten Weltkrieg darstellen, wird nunmehr, an Hand vieler Materialien und bislang nur schwierig aufzustöbernder Quellen, geschildert und kritisch behandelt in dem Buch –

Sebastian Müller: "Kunst und Industrie – Ideologie und Organisation des Funktionalismus in der Architektur"; Hanser Verlag, München, 1974; 188 S., 16 S. Abb.; 34,– DM.

Der Verfasser, der an der Universität Dortmund in der Abteilung Raumplanung arbeitet, gibt nicht die Chronologie des "Deutschen Werkbundes", sondern befaßt sich mit der Ideengeschichte einer historischen Phase, in der Deutschland ein "Aktualitätenbuch", "die große Produktionsstätte" (Le Corbusier) war.

Einer der theoretischen Köpfe des "Deutschen Werkbundes" war Hermann Muthesius (1861 bis 1927), der sich als Attaché der Deutschen Botschaft zwischen 1896 und 1903 in London aufgehalten und die dortige zeitgenössische Architektur, besonders den Wohn- und Industriebau, untersucht hatte. Muthesius forderte eine Popularisierung des Kunstverständnisses durch breite literarische Propaganda", die an das Selbstverständnis des Künstlers, also seine Theorie, eng anknüpft. Den neuralgischen Punkt sah er darin, im Unterschied zu den auf Handwerk bezogenen Theorien der Engländer John Ruskin und William Morris, nicht gegen die "Großherstellung" einzutreten, sondern im Gegenteil in der industriellen oder Massen-Produktion das eigentlich Zeitgemäße, das Moderne der Ideen des "Deutschen Werkbundes" zu erkennen.

Die positive Einstellung zur Industrie betraf die Herstellung von "kunstgewerblichen" Gegenständen ebenso wie die neu beginnende Architektur, die er – um ein späteres Wort von Buckminster-Muller aufzunehmen – als "Habitat-Industrie" begriff, den neuen Konstruktionsprinzipien, den wirtschaftlichen und Verkehrs-Verhältnissen angepaßt. In diesem Sinn formulierte Mies van der Rohe 1924: "Wir kennen keine Form, sondern nur Bauprobleme. Die Form ist nicht das Ziel, sondern das Resultat unserer Arbeit. Es gibt keine Form an sich. Das wirklich Formvolle ist bedingt, mit der Aufgabe verwachsen, ja der elementarste Ausdruck ihrer Lösung."