Ich habe mich schon in früher Kindheit entschlossen, Schriftsteller zu werden. Ich war damals Abc-Schütze und kämpfte mit den Rundungen der Buchstaben, die bei mir nie rund werden wollten. Den Anstoß dazu gab meine heißgeliebte Mutter. Sie pflegte zu sagen: "Was dieser Junge anstellt, ist unbeschreiblich!" Mit dem Mut eines Galileo habe ich mir fest vorgenommen: "Und doch werde ich’s beschreiben! Warte mal, bis ich groß bin!"

Es war tatsächlich mutig von mir, denn mir graute es vor den vielen unnachgiebigen Buchstaben. Das Grauen vor dem Schreiben ist nur bis heute geblieben, obwohl mir die Schreibmaschine längst die Schwierigkeiten mit dem Bilden der Buchstaben abgenommen hat die Schwierigkeiten mit den unnachgiebigen Worten sind jedoch geblieben und werden immer größer. Zu Schriftstellern, die gern schreiben, habe ich kein Vertrauen.

Um mir den Rückzug zu verbauen, habe ich allen Erwachsenen auf ihre Frage, was ich werden will, munter geantwortet: "Schriftsteller!" Die Erwachsenen lachten meistens, als ob es ein guter Witz wäre. Ich bin zum Schluß gekommen, daß Erwachsene allesamt doof sind, und habe bis heute keinen Grund gefunden, diese Meinung zu ändern. Nur ein Bekannter meiner Eltern, ein grauhaariger Schriftsteller, wurde bei meiner Antwort traurig, wackelte mit dem Kopf und sagte nichts.

Mein guter Vater, ein rechtschaffener und vorsichtiger Mann, versuchte, die Gefahr rechtzeitig abzuschaffen. Er erklärte mir – ach, wie recht er hatte! –, daß die Schriftstellern kein ernster Beruf sei, von dem man leben könnte. "Setz dir ein anderes Berufsziel vor die Augen" – er sprach mit mir immer wie mit einem gleichwertigen Partner –, "schreiben kannst du nebenbei, wenn es dir Spaß macht." Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, daß von Spaß keine Rede sei.

Meine Mutter lachte nur: "Laß ihn doch", sagte sie, "erinnerst du dich nicht mehr, wie du selbst Gedichte geschrieben hast? Sie waren gar nicht schlecht. Und trotzdem bist du zur Vernunft gekommen und ein angesehener Anwalt geworden." Die Sache mit der Vernunft mißfiel mir. Und ich beschloß vorsichtshalber, keine Gedichte zu schreiben, um dann nicht zur Vernunft kommen zu müssen. Daran hielt ich fest, mit kurzer Ausnahme in den Pubertätsjahren.

Mein Literaturlehrer im Gymnasium hat meine Entscheidung, Schriftsteller zu werden, enorm gefestigt. Herr M. verstand es, literarische Werke und Autoren so gründlich auseinanderzunehmen, daß man sie nie wieder zusammensetzen konnte. Er hat geschafft, uns jedes Buch, das er mit der Klasse besprochen hat, im einzelnen und die Literatur im ganzen für die Dauer ekelhaft zu machen. Aber gerade die dadurch gewonnene Überzeugung, daß alles, was bislang geschrieben wurde, stinklangweilig und albern ist, ermunterte mich zum Schreiben.

Die Abneigung gegen die Literatur ist eine wichtige Voraussetzung des literarischen Schaffens. Sie stärkt das Selbstbewußtsein und spart Zeit. Denn wer viel liest, hat keine Zeit zu schreiben. Vor allem gute Bücher soll ein Autor nicht lesen, sonst verliert er den Glauben, daß er mit seinem Schreiben noch was Neues und Besseres bringen kann.