An der Londoner Börse gab es den stärksten Kurssturz seit über 50 Jahren: Unverantwortliches Spiel mit dem "Schicksal der Nation"?

Fensterstürze fanden nur in den Karikaturen der Zeitungen statt. Die Polizeiberichte aus der Londoner City enthielten keine Meldungen über eine auffällige Zunahme der Selbstmorde in der Geldgemeinde. Die Stimmung in den Büros der Börsenmakler, Jobber und Investment-Manager war dennoch verzweifelt. Die Wertpapierbörse erlebte ihre schärfste Baisse, seit Statistiken geführt werden. Mit Balkenüberschriften schreckten die Zeitungen ihre Leser auf: "Tiefster Stand seit 16 Jahren".

In fast selbstmörderischer Erwartung immer neuer Schreckensmeldungen starrt die Nation auf den Financial Times Industrial Ordinary Share Index ein börsenstündlich ermittelter Mittelwert der Kurse von 30 führenden Industrie-Aktien. Damit alle über London-Heathrow einfliegenden Reisenden sofort über den finanziellen Kollaps der Börse ins Bild gesetzt werden, hat die britische Wirtschaftszeitung Financial Times einen elektronischen Kursanzeiger so aufgestellt, daß alle Ankömmlinge ihn passieren müssen.

Der Index (1935 = 100) pendelte jetzt knapp über der 200-Marke. Er war damit im Vergleich zum Höchststand vom Mai 1972 (543,2) um 63 Prozent und seit Beginn dieses Jahres um 40 Prozent gefallen. Die Statistiker rechneten sofort aus, daß die britische Industrie unter Berücksichtigung der durch die Inflation bewirkten Kaufkraftverluste von einer unpatriotischen Börse damit nur zu einem Drittel des Wertes von 1935 bewertet wird.

Börsenprofis wie Industrielle waren sich schon lange vor Erreichen des jüngsten Tiefs einig, daß die Kurse viel zu weit abgesackt waren. Aber mit sich selbst beschleunigender Kraft rutschten die Notierungen weiter nach unten; die wildesten Spekulationen waren zu hören.

Hartnäckig hielt sich mehrere Tage das Gerücht, daß eine der großen Versicherungen am Ende sei. Der Zusammenbruch von Banken um die Jahreswende war noch in guter Erinnerung, die Herstatt-Affäre in Deutschland heizte die Nervosität zusätzlich an Börsenmakler hatten Konkurs angemeldet, und die Court-Line, der zweitgrößte Touristickonzern des Landes, war zusammengebrochen.

Die wilden Vorgänge an der Londoner Börse waren für viele Briten ein Zeichen, daß in "Monte Carlo ohne Musik" in unverantwortlicher Weise mit dem Schicksal der Nation gespielt werde. "Die Leute in der City," so ließ der Boß des Gewerkschaftsbundes, Len Murray, verlauten, "verbreiten aus Eigennutz und ökonomischem Unverständnis Unruhe und Verzweiflung."