ZDF, Freitag, 23. August: "Neugierig wie ein Kind", von Theodor Schübel

Na bitte. Es geht also auch so. Ein Stück, in dessen Zentrum ein Teenager steht, braucht nicht um jeden Preis verlogen, sentimental, langweilig und papieren zu sein. Wenn der Text intelligent und die Regie sensibel ist, kann sehr viel passieren, in der Gestik, im Dialog, in Entsprechungs- und Kontrastszenen, im Mit- und Gegeneinander von Wort und Musik, von Mimik und Sprache, ohne daß etwas "passiert". Richtig plazierte Nebensätze sind im allgemeinen dramatischer als Orgien, die Steigerungsform von Schreien heißt Flüstern; ein Gurgeln im Badezimmer (er putzt sich die Zähne, sie liegt schon lesend im Bett) zeigt unter Umständen das Ende einer Ehe sinnfälliger an als ein Ausbruch mit allen Schikanen.

Ein exakt durchkalkuliertes, ein raffiniert gebautes Stück: Das Mädchen Brigitte kommt dem Ehebruch der Frau Mama auf die Schliche. Gespräche zwischen Mutter, Töchterchen und Liebhaber in einem Hotel, das der Ehebrecherin seit Jahren als Liebesnest dient. Verhöre der Mutter. Verhöre des Freundes. Zynische Reden einer Siebzehnjährigen, die von Verwundbarkeit zeugen – wie sehr, das zeigt der (einzige) große Ausbruch am Ende der Debatten über die Gefühle von Ehebrechern (was die alternde Frau denkt, was der jüngere Mann denken könnte: über die Gedanken einer Geliebten, womit Glück, wenn es Glück ist, bezahlt wird und ob es möglich sei, den legitimen Partnern, den beiden Betrogenen gegenüber Eifersucht zu empfinden): Das Mädchen kann nicht schlafen. Die Stille nebenan ist zu laut. Das Mädchen, gegen die Wand hämmernd, versucht das Schweigen zu überbrüllen. Der Panzer des Sarkasmus zerbricht, die flott-zynische Rede erweist sich als Notwehr der Unschuld: Das Mädchen kapituliert.

Und dann, am Ende, die Volte. Statt des erwarteten Schluß-Tableaus (drei Menschen, zwei Komplizinnen und ein ahnungsloser Hahnrei, spielen Familie: "Die Gurken, Annemarie, sind wieder vorzüglich") kommt es zu einem Gespräch zwischen Vater und Tochter. Papa weiß Bescheid. Auch er geht längst seine eigenen Wege. Man hat sich arrangiert – und ist zufrieden dabei. Die Frau hat ihren Freund; der Mann hat seine Freundin, beide haben ein Hauswesen, das auf sicherem Fundament ruht. Auf Ökonomie, und nicht auf Liebe.

Und die Tochter – was hat die? Wird sie in zwanzig Jahren denken wie ihre Eltern: daß sich’s im Zustand der Sünde nicht nur bequem, sondern sehr menschlich – nicht allzu menschlich, sondern beinahe human – leben läßt? Die Marquise von Posa, mit ihrer Schillerschen Moral: ein Opfer des Realitätsprinzips? Die Idealistin: widerlegt von Pragmatikern, die sich aufs Wohlsein verstehen? Oder umgekehrt: schmierige Kompromißler, an den Pranger gestellt von der aufs Absolute pochenden Moralistin? Das Tischtuch zerschnitten? (Da ja jedes weitere "Ich habe eine Zwei in Mathe, Papa" und "Kann ich deine rote Kette haben, Mama?" Einverständnis und Augenzwinkern voraussetzen würde.) Das Stück endet mit einer Frage. Der Schluß ist offen. Das Bedenken von Weiterungen bleibt dem Zuschauer überlassen. Er hat das letzte Wort.

Ein Denkspiel ohne Doktrin. Glänzend inszeniert: wie ein lyrischer Traktat. Logisch, anmutig, von verweisender Kraft: glänzend gespielt. Beiläufig, unterkühlt, mit vielen beredten Pausen. Technik des Auslassens. Betonung des Nebenbei: Die Art, wie einer "Ich heiße Kurt" sagt, zeigt, was er denkt und wie er sich fühlt. Präponderanz des Indirekten: wie Rosemarie Fendel es fertigbrachte, im Gespräch mit der Tochter zu altern. Wie, mit jedem Satz nachdrücklicher, Falten um Verständnis, Krähenfüße um Nachsicht baten. Wie Hautkerben plötzlich den Charakter von Argumenten gewannen!

Ich schlage den Herren Schübel und Döpke vor, die Schulszenen zu streichen und, bei einer Wiederholung, mit dem Mittagessen der dreiuneinigen Familie zu beginnen. Die Eröffnung – "meine Mutter", sagt die Freundin beim Nachhauseweg vom Pennal, "hat deine Mutter gesehen: mit einem fremden Mann, in einem Hotel" – ist darum nicht umsonst gedreht worden. Im nächsten Courths-Mahler-Film wird sich schon Platz dafür finden. Momos