Von Heinz Michaels

Die Rauchzeichen vor Stadt Allendorf deuten keineswegs auf eine Revolution, wie ein Reisender vermuten könnte, dem zufällig ein kommunistisches Flugblatt über die Vorgänge in der Gemeinde in die Hände gefallen ist. Nein, die Bauern brennen die Stoppelfelder ab wie jedes Jahr um diese Zeit.

Dennoch, in der menschenleeren, ein wenig gespenstisch wirkenden Halle der Glashütte Hirschberg vermeint man einen Hauch von Revolution zu spüren. Seit die Kristallglaswerke Hirschberg GmbH am 28. Juli Konkurs anmeldete, sind die Arbeitsbühnen leer; nur in den Öfen leuchtet noch die rotgelbe Glut des flüssigen Glases. Und solange sie leuchtet, besteht noch Hoffnung, daß die Glasmacher wieder die Arbeitsbühne besteigen und ihre bekannten mundgeblasenen Gläser fertigen können.

"Man kann doch nicht Privatunternehmen unkontrolliert Millionenzuschüsse in den Hintern stecken und uns hier hängenlassen, unsere Arbeitsplätze kaputtgehen lassen", erregt sich ein Betriebsrat der Hütte. Die Arbeiter revoltieren gegen das Schicksal der Arbeitslosigkeit, und sie wollen – doch das ist schon nicht mehr so revolutionär – das Unternehmen in eigener Regie weiterführen.

Es geht um das Schicksal von etwa 150 Arbeitsplätzen – während in der Bundesrepublik die Zahl der Arbeitslosen über einer halben Million liegt. Doch für Stadt Allendorf, die junge Kleinstadt in Mittelhessen, etwa 25 Kilometer östlich der altehrwürdigen Universitätsstadt Marburg, sind diese 150 Arbeitsplätze eine kritische Größe. Werden – oder besser bleiben – die 150 Männer und Frauen arbeitslos, so schnellt die Arbeitslosenquote des Bezirks auf über fünf Prozent. Stadt Allendorf stünde damit in der Spitzengruppe der Armengebiete.

Im Stadtbild der Ortschaft, das nur wenig Kontur zeigt, vermißt man die für Hessen noch weitgehend typischen Fachwerkhäuser. Nur wenige Häuser scheinen älter als 25 Jahre. Städtebauliche Schwerpunkte sind zwei Kirchen mit modernen Betontürmen. Dabei ist der Flecken alt. Schon in der Steinzeit siedelten Menschen in der Gegend am Münch- und Bärenbach.

Zur Zeit Karls des Großen wird die Siedlung zum erstenmal urkundlich erwähnt. Sie bleibt ein Bauerndorf bis 1939, mal dem Kloster Fulda, mal dem Kloster Hersfeld, mal dem Erzbistum Mainz zugehörig, bevor es Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert wird. 1000 Einwohner zählte es damals, 1700 waren es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.