Der Abschied des Joachim Ließ von der Bühne des großen Sports vollzog sich geräuschlos. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen von München, für die der ehemalige Deutsche 10 000-m-Meister nicht gemeldet worden war, beschloß er, nicht mehr auf die Aschenbahn zurückzukehren. Enttäuscht von vielerlei Querelen, von Manipulationen und Intrigen, verschwand Ließ ebenso abrupt in der Versenkung, wie er sechs Jahre zuvor als ein bis dahin völlig Unbekannter auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Nichtnominierung für München, wo der Deutsche Leichtathletik-Verband über 10 000 m mit zwei statt der drei möglichen Athleten antrat – Ließ wurde trotz zweimaliger Erfüllung der Olympianorm ausgebootet –, war für den gebürtigen Hamburger das Signal, sein Glück auf einem anderen Gebiet zu suchen. Heute glaubt er, es gefunden zu haben: In der Haslachmühle, zwischen Ravensburg und Wilhelmsdorf, einem Heim für Mehrfachbehinderte, betreut er eine Gruppe geistig stark geschädigter Erwachsener. "Nein", sagt er, "der Rummel des großen Sports fehlt mir keineswegs. Die Erfolgserlebnisse, die man bei der Arbeit hier hat, sind doch, so klein sie dem Außenstehenden auch erscheinen mögen, mindestens genauso groß wie im Sport."

Dabei war der heute Einunddreißigjährige etliche Jahre seines Lebens auf Meisterschaften und Bestleistungen im Langstreckenlauf ausgerichtet. Zehn Jahre hatte er sich deshalb der Bundeswehr verpflichtet, wurde in der Sportschule Sonthofen stationiert und erhielt beste Möglichkeiten, "Beruf" und Sport zu koordinieren. Wann immer Länderkämpfe oder wichtige Starts auf dem Programm standen, wann immer er Zeit zum Trainieren benötigte: Die Bundeswehr machte es möglich. 1969 wurde Ließ in Düsseldorf 10 000m-Meister vor Lutz Philipp, plazierte sich beim Länderkampf gegen die USA in Augsburg über 5000 m vor Letzerich und dem späteren Marathon-Olympiasieger Frank Shorter, erkämpfte sich zur Jahreswende beim Silvesterlauf von São Paulo den hervorragenden sechsten Platz, nachdem er im Jahr zuvor schon Achter geworden war. Im Jahr darauf unterbrach ein Autounfall die Karriere. Dennoch stellte er im Sommer mit 28:38 Minuten seine persönliche Bestzeit über 10 000 m auf. Die Folgen des Unfalls zwangen den "laufenden Soldaten" schließlich auch 1971 dazu, mit einem Minimum an Training und Wettkämpfen auszukommen. Bei der Deutschen Meisterschaft in Stuttgart wurde er aber immerhin noch Dritter auf seiner Spezialstrecke.

Im Olympiajahr schließlich stürzte er in München bei den deutschen Titelkämpfen und gab mit einer schweren Rippenprellung bei 8000 m auf. Daß er bei seinen einzigen beiden Starts zuvor die Olympianorm erreicht, daß er – in seinem überhaupt letzten Wettkampf – in Zürich 14 Tage nach dem Sturz von München den amtierenden Meister Phillipp hinter sich gelassen hatte, änderte nichts daran, daß er bei der Mannschaftsaufstellung für die "Spiele" nicht berücksichtigt wurde. Der Groll gegen jene Entscheidung ist heute verflogen; mittlerweile hat er die Vergangenheit überwunden: "Was soll’s?"

Die Fähigkeit, den Ärger von damals solcherart zu kompensieren, hat sich offenkundig bei Joachim Ließ durch eine Änderung seiner Einstellung zum Leistungssport entwickelt. Heute stellt er den Wert von Spitzenleistungen in Frage, weil er manche Auswüchse, wie die ständig wachsende psychische und physische Belastung, für viele Athleten als ausgesprochen gefährlich ansieht.

Für ihn sind mittlerweile andere Werte weitaus größer: Wenn seine Schützlinge zwischen 18 und 58 nach wochenlangem Oben endlich begriffen haben, wie sie ihre Jacken selbst zuknöpfen können, wie man sich wäscht oder kämmt, dann sei das ein Erfolgserlebnis – für den Lehrenden wie für den Lernenden. "Man muß diese Arbeit in dem Bewußtsein leisten, daß man immer nur ganz kleine Schritte vorwärts tun kann", sagt der Mann, der einst mit großen Schritten in die bundesrepublikanische Langstreckenelite gelaufen war. Die Möglichkeit, jenen helfen zu können, die sich draußen nicht zurechtfinden, fasziniert ihn mehr als lukrative Angebote, weiterhin im Sport zu arbeiten.

Insofern ist der Weg von Joachim Ließ ungewöhnlich, denn wäre es für ihn nicht leichter gewesen, sich nach Abschluß der Karriere – wie viele in einer solchen Situation – als Trainer zu etablieren oder "Repräsentant einer Sportschuhfirma" zu werden?

Eigentlich hatte er ja Volksschullehrer werden wollen, aber dann kamen Leistungssport und Bundeswehr dazwischen. Während seiner Dienstzeit war er zum Sanitäter ausgebildet worden. Dabei kam er, als er zeitweise in einer psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses eingesetzt worden war, erstmals mit geistig Behinderten zusammen. Daraus hatte sich schließlich der Wunsch entwickelt, mit jenen zu arbeiten, die gemeinhin diffamierend als "Schwachsinnige" umschrieben werden.

Von São Paulo zur Haslachmühle – dazwischen liegen Welten. "Das eine", sagt Joachim Ließ, "war schön, das andere ist wichtig." Um halb sechs verläßt er seine Wohnung und marschiert ins gegenüberliegende Heim zu "seinen Buben", mit der Gitarre unter dem Arm: Am Abend ist Singstunde ... Bernd Dassel