Exzellenz, man sagt, Sie seien derzeit ein arbiter mundi, wie ich einst gute – ja: gute – Jahrzehnte der Kanzler und Arbiter Europas war. Beide stammen wir aus fränkischem Gebiet, wenngleich ich den Unterschied zwischen Rheinfranken und bajuwarischem Franken nicht verkenne. Ein wenig artifiziell mag es zwar anmuten – aber was tut’s? –, meine lange und Ihre bisher kurze Amtszeit zu konfrontieren, doch berührt mich, daß unsere Karrieren in umgekehrter Richtung durchmessen wurden. Denn ich war – wem sage ich das? Sie haben mir ja Ihre Doktorthese gewidmet! – erst Diplomat, dann Exulant und wurde schließlich, weil ich so unermüdlich den Freunden und Korrespondenten das Extrakt meiner langen Erfahrung mitzuteilen pflegte, "der Professor" genannt. Sie hingegen waren erst Exulant, dann Professor und sind erst später zu einem Weltpolitiker geworden.

Immerhin hat der englische Botschafter Lamb in seinen Briefen mitgeteilt, daß ich in Kummer über das frevelhafte Spiel Englands und Frankreichs mit Revolutionen seufzte: "Wenn ich in einer anderen Lage wäre, würde ich meine Güter verkaufen und nach Amerika auswandern, denn Europa droht der Untergang." Auch hätte ich damals gesagt, und der Botschafter hat es fleißig notiert: "Unter einer befestigten Demokratie würde ich willig leben, aber der Übergang zu ihr ist ein gefährlicher Wechsel, dem ich entgehen will." Gewiß, das war nur eine boutade, ich überließ schließlich die Auswanderung dem Skribenten Postl, der mich mit Pamphleten belästigte und der drüben unter dem Namen Sealsfield ein viel gelesener Romancier wurde.

Ich nehme als oberflächliche Differenz, daß ich ein Fürst war und Sie ein Jude sind. Meine Kollegen, die Minister und Berater des Zaren, waren Korsen, Griechen – Kosmopoliten Ihrer Art. Und wenn Amerika so unbefangen Talente aus anderen Ländern zu Rang und Ehren erhebt, so schließt es sich ganz an die beste Tradition der dynastischen Staaten an – über jene Epoche der Nationalität hinweg, deren Triumph ich leider nicht verhindern konnte und von welcher der Hofrat Grillparzer – einer, der mich nicht verstanden hat, der aber doch gut österreichisch denken konnte – geschrieben hat, sie sei der Übergang von der Humanität zur Bestialität.

Sie gelten, Exzellenz, als mein Schüler, weil auch Sie an einige feste Prinzipien glauben und nicht allzusehr an die Tausende Fakten und Rapporte, unter denen die Ämter Ihres Reiches erstickten. Allerdings haben Sie Ihre Schätzung meiner Ära – vielleicht um den Zeitgeist nicht allzusehr herauszufordern? – ein wenig niedriger angesetzt, als mir gerecht scheint. Ich hätte nur Breschen kolmatiert und Kompromisse geschlossen, woran nichts "Schöpferisches" gewesen sei. Doch erlaube ich mir zu fragen, ob Sie nicht Ihre eigenen Prinzipien allzu früh und allzu entschieden formuliert haben – so entschieden, daß mancher versucht ist, den Autor gegen den Minister auszuspielen

Ich denke da an Europa und die Allianzen, da mir dieser Bereich immer am vertrautesten war und ich tunlichst vermieden habe, Österreich in orientalische Händel zu verstricken. Sie haben letzthin die europäischen Alliierten heftig getadelt, weil sie ohne Amerika miteinander reden und besondere Interessen geltend machen, Ihr Präsident, den Sie in diesen Dingen nie ohne Rat lassen, hat diese Alliierten der Bandenbildung beschuldigt – wenn ich "to gang up" richtig übersetze. Sie selber haben diesen Verbündeten sogar die Legitimität abgestritten – war das der verärgerte Minister oder der philosophierende Professor? Zu meiner Zeit vermieden die Diplomaten, Lektionen zu geben.

Noch im Buch "Was wird aus der westlichen Allianz?" waren Sie – zu Ihrem Ruhm sei es gesagt – ganz mein Schüler. Wie ich mich weigerte, in Bonapartes Frankreich den einen Erzfeind zu sehen und nur eben das maßlos gestörte Gleichgewicht wieder herstellte – um es sogleich auch gegen den andern Maßlosen, Alexander, zu verteidigen – so haben Sie gewarnt, nicht in General de. Gaulle einen Erzfeind zu sehen, nur weil er ein Unbequemer war. Sie wußten damals, daß die Allianz Geduld und Toleranz brauche, und schrieben: "Ein gewisses Maß europäischer Autonomie in politischen Entscheidungen ist psychologisch wichtig für den Zusammenhalt der Allianz. Obwohl die meisten amerikanischen Politiker dieser Feststellung in der Theorie zustimmen werden, sind sie doch in der Praxis geneigt, sich der Unabhängigkeit zu widersetzen, wenn sie in Form von Zweifeln an der Richtigkeit unseres Urteils auftritt. Fünfzehn Jahre ungetrübter Hegemonie haben uns an die Überzeugung gewöhnt, daß unsere Ansichten das allgemeine Interesse vertreten."

Und Sie schrieben noch deutlicher einige Seiten später: "Die amerikanische Politik ist äußerst ambivalent. Sie hat auf diese Vereinigung Europas gedrängt, aber zugleich deren zu erwartende Konsequenzen gescheut. Wir haben versucht, ein supranationales Europa mit einer eng integrierten atlantischen Gemeinschaft unter amerikanischer Führung zu vereinigen. Die beiden dürften sich jedoch als unvereinbar erweisen. Die Vereinigten Staaten werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, daß ein Unterschied zwischen der europäischen und der amerikanischen Perspektive – besonders hinsichtlich der außereuropäischen Politik – wahrscheinlich ist. Eine kluge Politik wird darauf gerichtet sein, die Auswirkungen dieses Unterschieds aufzufangen und zu mildern; ausmerzen kann sie ihn nicht."