Am Dienstag gab es die zehnte Verhaftung im Mannheimer Gefängnisskandal. Gleichzeitig bekräftigte Justizminister Bender, daß die Justiz in Baden-Württemberg "intakt und integer" sei. Bender lehnte einen Rücktritt erneut ab: "Ich glaube, die politische Verantwortung, die ich für die Justiz habe, besteht nicht darin, daß ich abhaue und die schwierige Arbeit einen anderen tun lasse."

Den Rücktritt hatte der "Frankfurter Gefangenenrat" gefordert. Er besteht großenteils aus ehemaligen Strafgefangenen und versucht, Mißstände hinter Gefängnismauern aufzudecken. Oft aber, so beklagt er, seien Beschwerden in der Vergangenheit nicht beachtet oder Ermittlungsverfahren wieder eingestellt worden.

So hatte der Gefangenenrat am 29. Juni 1974 in einem Brief an das Justizministerium in Stuttgart Beschuldigungen gegen den Mannheimer Vollzugsleiter Recher erhoben. Das Ministerium hatte den Eingang des Briefes zunächst bestritten, aber nach Recherchen und Veröffentlichungen der Stuttgarter Zeitung den Empfang doch zugeben müssen, wobei nun von einer "Riesenpanne" gesprochen wurde.

In dem Brief vom 29. Juni hatte der Gefangenenrat unter anderem geschrieben: "Wir protestieren gegen das sadistische Regime des Vollzugsleiters lieber, in der Strafanstalt Mannheim, der dort ein Schlägerkommando unterhält, das Gefangene auf seine Weisung zusammenschlägt und vor einiger Zeit in der Zelle Nr. 1329 einen Gefangenen umgebracht hat. Das ist die Zelle Vast."

Der 26jährige Untersuchungshäftling Hans Peter Vast war am 28. Dezember 1973 um 7.15 Uhr tot in seiner Zelle gefunden worden. Der Obduktionsbefund ergab erhebliche innere und äußere Verletzungen, die nach den Aussagen des Gerichtsmediziners nicht durch einen Sturz zu erklären waren. In jener Nacht hatten elf Vollzugsbeamte Dienst. Am 5. August gab das Ministerium eine Presseerklärung heraus, wonach kein begründeter Tatverdacht gegen einen oder mehrere Beamte bestünde. Die Staatsanwaltschaft Mannheim stellte damals die Ermittlungen ein; nach den Pressemitteilungen wurde der Fall wieder aufgerollt.

Am Dienstag sicherte Justizminister Bender zu, daß alle in der Vergangenheit eingestellten Ermittlungsverfahren wieder aufgerollt würden. Er kündigte außerdem personelle Konsequenzen an. Der Abteilung "Vollzug" seines Ministeriums will er ein "neues Gesicht mit scharfen Augen" geben.