Von Wolfram Siebeck

Tierfreunde können aufatmen: Die Wespen sind wieder da. Schienen sie in den letzten Jahren nahezu ausgestorben, so bevölkern sie in diesem Sommer unsere Gärten und Häuser in großer Anzahl. Nicht nur die Kinder und die Alten heißen die Spielgefährten ihrer Mußestunden herzlich willkommen; auch die Marmelade kochende Hausfrau und der grübelnde Familienvater auf dem Balkon begrüßen das lebhafte Völkchen aus vollem Herzen. Welch rührender Anblick, wenn sie sich schon morgens zum Frühstück einfinden und um ein Bröckchen von der Honigsemmel betteln! Doch sei vor zu viel Großzügigkeit gewarnt! Die Wespe läßt sich gern verwöhnen, und wenn sie ihre Nahrung ausschließlich auf den Tischen der Menschen findet, wird sie bald nicht mehr in der Lage sein, sich in der freien Gartenwirtschaft, ihrem eigentlichen Revier, zu ernähren! Wenn dann der Wespenfreund in Urlaub fährt oder nur für einige Tage verreist, überläßt er seine Schützlinge ungewollt einem grausamen Schicksal. Wer also glaubt, bei den Mahlzeiten auf die naschhaften Mitesser nicht verzichten zu können, der sollte sie bei Urlaubsantritt einem tierlieben Nachbarn anvertrauen oder das ganze Wespenvolk in ein Tierheim geben, wo die kleinen Sommerfreunde während seiner Abwesenheit gepflegt und ernährt werden.

Wer in diesen Wochen seinen Spaß an den melodisch summenden Wespen hat, der sollte daran denken, daß ihm nicht nur eine gelegentliche Fütterung die Anhänglichkeit der Tiere sichert, sondern daß er sich auch um ihre Pflege kümmern muß. Generell reicht es aus, wenn Wespen einmal in der Woche gründlich gewaschen werden. Dazu kann der Tierfreund jetzt im Hochsommer ruhig kaltes Wasser verwenden. Nur an kühlen Tagen erwärmen wir es leicht und geben etwas Melissengeist hinzu. Daß die empfindlichen Fühler dabei vorsichtig mit einem weichen Lappen oder Schwamm abgerieben werden, ist für den Wespenfreund selbstverständlich. Die feinen Krallen an den Füßchen sollten jedoch häufiger einer Kontrolle unterzogen werden. Wie leicht setzen sich dort Speisereste fest, die Karies hervorrufen und somit dem kleinen Tier grausame Schmerzen bereiten können! Ein Fußbad in Buttermilch – aber nicht aus dem Eisschrank! – wirkt hier schon Wunder!

Überhaupt wird der verantwortungsvolle Wespenhalter seine Schützlinge wenigstens einmal im Sommer zum Tierarzt bringen, sei es, damit der in einer Generaluntersuchung den besorgten Wespenfreund über den Gesundheitszustand seiner Schützlinge beruhigen kann, sei es, daß er eine gefährliche Krankheit schon in ihren Anfängen entdeckt und daher erfolgreich bekämpfen kann. Muß eine Wespe deshalb stationär behandelt werden, so wird sie der Wespenfreund so oft wie möglich in ihrem Krankenzimmer besuchen. Denn erfahrungsgemäß macht gerade bei Wespen die körperliche Gesundung besonders große Fortschritte, wenn das Tier gleichzeitig die seelische Ruhe hat, die ihr die Freundschaft eines Menschen bedeutet.

Wenn dann der Tag des Abschieds kommt, an dem die Wespen ihren Flug nach Süden antreten, nur vom funkelnden Sternenhimmel sicher ihres Weges geleitet, dann trinkt der Wespenfreund ihnen lange nach und wünscht eine glückliche Reise. Und hofft auf ihre Wiederkehr im nächsten Jahr.