Giscard läßt die Strategie überdenken

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im August

Zunächst waren es hundert Soldaten, die aufbegehrten, dann tausend; schließlich gaben sogar Offiziere zu, die Mehrheit der Rekruten stehe hinter dem "Manifest der Hundert". Dieses Papier, im Mai veröffentlicht, war spektakulär. Weniger wegen seines Inhalts, sondern weil die jungen Soldaten erhebliche Strafen riskierten, um auf Mißstände in Frankreichs Kasernen hinzuweisen. Sie forderten das Ende der Schikanen, verlangten einen Sold in Höhe des gesetzlichen Mindestlohns (1110 Francs – rund 550 Mark – im Monat), wollten nicht mehr jenseits der Landesgrenze Dienst tun und proklamierten die Gültigkeit elementarer Bürgerrechte auch für die Zeit des zwölfmonatigen Wehrdienstes.

Was anfangs wie eine Störaktion linksextremer Elemente aussah, entpuppte sich bald als mehr. Das Manifest offenbarte den Franzosen, daß in ihrer Armee nicht alles zum besten steht. Die Wehrpflichtigen wollen sich nicht mehr mit trostlosen Kasernen, einem Sold von zwei Francs pro Tag und dem Verbot bestimmter Zeitungen abfinden. Junge Offiziere klagen, sie seien die Ausgestoßenen der Nation, müßten sich ständig mit sinnlosem Papierkram herumschlagen, würden nach ungerechten Prinzipien befördert und hätten zudem ständig den Wohnort zu wechseln. Nicht nur die 270 000 Wehrpflichtigen rufen nach dem "Bürger in Uniform".

Giscard d’Estaing ist sich bewußt, daß die Armee noch immer als Fremdkörper im Staate gilt und entsprechend behandelt wird. So mahnte der neue Mann im Elysée schon bei seiner ersten Pressekonferenz im Juli: "Es ist nicht gut für eine Gemeinschaft, daß sich ihre Verteidigungsstreitkräfte von der nationalen Gemeinschaft abgeschnitten oder isoliert fühlen." Verteidigungsminister Jacques Soufflet bekräftigte das: "Die Armee sollte der Nation nähergebracht werden, damit sie ohne Komplexe leben kann."

Diese Komplexe scheinen bis in die höchsten Ränge verbreitet zu sein. So schildert Admiral Marc de Joybert, bis vor kurzem Oberbefehlshaber der Marine, das Unbehagen seiner Offiziere: "Das sind Leute, die harte Arbeit leisten, weit weg von ihrer Familie und nicht sehr gut bezahlt. Doch damit nicht genug: Man pöbelt uns an, behandelt uns als schädliche und nutzlose Elemente. Am Ende hat man davon die Schnauze voll."