Peter Härtling: "Eine Frau"

Von Rolf Michaelis

Peter Härtling schreibt mit dieser Geschichte vom Verfall einer Familie und von der bedächtigen Emanzipation einer Frau etwas, das es in der zeitgenössischen deutschen Literatur gar nicht gibt, einen ernst zu nehmenden Unterhaltungsroman –

Peter Härtling: "Eine Frau", Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1974; 388 Seiten, 29,80 DM.

Härtling hatte das Unglück, 1964 mit "Niembsch" einen guten poetischen Roman zu veröffentlichen. So etwas bleibt nicht ungestraft. Seither wird alles, was Härtling schreibt, an dieser zarten musikalischen Improvisation über den romantischen Poeten Lenau (Niembsch Edler von Strehlenau) gemessen; als ob es in der Literatur, wie im Sport, unverrückbare persönliche Bestleistungen gäbe.

Solcher Blickverengung leistete Härtling Vorschub mit Romanen, die wie Variationen des "Niembsch" klangen und den Weg der Hauptfigur von Osteuropa nach Süddeutschland nachschritten ("Janek, Porträt einer Erinnerung", 1966; "Zwettl, Nachprüfung einer Erinnerung", 1973) oder das zentrale Thema des Zweifels an der Erinnerung erweiterten auf die Geschichtsschreibung in dem historischen Roman "Das Familienfest" (1969). All diese Erzählungen, Meditationen über die Zeit, stammen aus dem gedanklichen Keim des Mottos von Kierkegaard über "Niembsch": "Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung."

Diese Bücher, die den Autor in Prousts Spur auf der Suche nach der verlorenen Zeit zeigen, erlaubten historische Verkleidung. Die Bewährungsprobe für den Erzähler Härtling mußte kommen, wenn er den wachsenden Realitätsverlust in seiner Roman-Boutique bemerken, den selbstverliebten Blick in die Spiegel der Vergangenheit aufgeben und sich der Gegenwart zuwenden würde.