Von Nina Grunenberg

Marion Ihns wurde 1938 im Hamburger Bahnhofsviertel geboren. Sie war die Jüngste von vier Schwestern und hat die Worte ihrer Mutter: "Den Tag verfluche ich, an dem du gekommen bist", auch als fünfunddreißigjährige Frau noch nicht verwunden. Nach der Schlacht bei Stalingrad war Marions Vater für tot erklärt worden. Um sich und die Kinder durchzubringen, nähte die Mutter und ging "anschaffen". Die Zeiten waren damals bunt. Irgendwann kam das Kind dahinter, daß seine Wohnung eine bessere Absteige war. Doch das erwähnt Marion Ihns auch heute kaum, wenn sie von ihrem kleinbürgerlichen Zuhause spricht, in dessen guter Stube sie manchmal fragte: "Mutti, warum hast du mich nicht lieb?"

Marion muß von klein auf für Männer verlockend gewesen sein. Mit neun Jahren wurde sie von einem Mann aus der Nachbarschaft vergewaltigt. Mit 15 Jahren lernte sie durch ihre Mutter einen jungen Mann kennen, der sie an ihren geliebten dänischen Pflegevater in Kopenhagen erinnerte. Im Haus des Pflegevaters hat sie zwei Jahre lang gelebt. Als er sie adoptieren wollte, holte die Mutter sie aus Dänemark zurück. Sie wollte nicht auf Marions Kindergeld verzichten. In dem 28jährigen Erwin sah Marion einen Beschützer und Ersatzpflegevater. Als er ihr die Heirat verspricht, glaubt sie ihm, "unerfahren und naiv wie ich war". Im Bett fängt sie an zu weinen, weil es weh tut, und er sagt: "Da können einem ja alle Gefühle weggehen." Als er nach ein paar Tagen Schluß machte, spottete die Mutter: "So dumm kannst du nicht gewesen sein."

Marion kehrte zu den Nachbarjungen zurück, die ihr Alter hatten. Eigentlich hatte sie mit niemandem mehr "etwas im Sinn", doch dann kam Heinz, der Fernfahrer. Sie glaubte, das "große Glück" gefunden zu haben. Die Angst vor Intimitäten unterdrückte sie, weil sie nicht noch einmal Ähnliches hören wollte wie damals von Erwin. Aber auch eine ihrer Schwestern machte Heinz "schöne Augen". Sie erzählte, wie sie eines Tages nach Hause kommt: "Bubi ist da, er ist aber müde und schon ins Bett gegangen", sagte die Mutti und lachte. Ich lief voller Freude ins Schlafzimmer ..." Sie muß weinen, bevor sie das Ende vom großen Glück erzählen kann: "Da lag er mit meiner Schwester im Bett." Alle lachten, und die Mutter sagte zur Tochter, sie würde "ein zu dämliches Gesicht machen". Im Tone gekränkten Stolzes kommentiert Marion die Erinnerung jetzt: "Ich bin auch heute noch der Meinung, daß es geschmacklos war."

Die verwaschenen Phrasen, in denen sie über sich Auskunft gibt, bringen die Geschichte nicht um ihre Wirkung, eher verstärken sie noch die Banalität und die Unwirklichkeit dieses Lebens. Sie ist erst 17 Jahre alt, da angelt sie nur noch nach dem kleinen Glück. Es ist Jürgen, wieder ein Bekannter der Mutter, von dem sie hofft, daß er es wenigstens ehrlich meint. Während eines über sechswöchigen Krankenhausaufenthaltes hat die Mutter sie nur zweimal besucht, Jürgen dagegen fast täglich. Das nimmt für ihn ein. In aller Form hält er bei der Mutter um ihre Hand an. Zu Weihnachten wird im Familienkreis Verlobung gefeiert. "Ein paar Tage später gestand er mir, er würde zuviel trinken. Ab Sylvester kam er jeden Abend betrunken an."

Im Januar 1956 lernt sie ihren Mann kennen. Seine Eltern haben neben der Bäckerei, in der Marion eine Lehre angefangen hat, ein Obst- und Gemüsegeschäft. Marion löst die Verlobung mit Jürgen; sie fühlt sich zu Wolf gang hingezogen. Auch ihr Lehrverhältnis wird bald gelöst, wie vorher schon zwei andere. Wolfgang und Marion sind beide leidenschaftliche Tänzer. Viel mehr als dieses Hobby haben sie nicht als gemeinsame Basis.

Daß Wolfgang "im Moment impotent" war, wie er ihr gestand, beruhigte sie mehr, als daß es sie störte. Als sie dann doch einmal versuchten, "ob er noch ein ganzer Mann" wäre, wurde sie zu ihrem Entsetzen schwanger. "Ich war wie vor den Kopf geschlagen", erzählt sie, und Wolfgang soll gesagt haben: "Das kann doch nicht wahr sein." Zufrieden reagierte nur ihre eigene Mutter: "sie freute sich darauf, Oma zu werden. Das Kind; sollte zu ihrem 50. Geburtstag kommen. Ich war also die Erste, wenn ich auch die Jüngste bin, die ihr ein Enkelkind brachte." Daß sie auf diese Weise das Wohlwollen der Mutter errang, war schließlich auch ein Erfolgserlebnis für Marion.