Von Rolf Vollmann

Das gibt es ja, daß ein Mann, weil das sein Beruf ist, viele Jahre lang sich das Verfertigen von Wörtern und Sätzen angelegen sein läßt, in kleinen bis mittleren Quantitäten; der Mann ist vielleicht Journalist, womöglich sogar ein gar nicht einmal so schlechter. Eines Nachts aber schlägt Gott ihm mit einem Hammer auf den Kopf, und von jetzt an hat der Mann den Entschluß drin, daß er ein ganzes Buch schreiben muß, ein regelrechtes Buch – einerseits jedenfalls; andererseits aber ein Buch, das mehr ist als ein normales Buch, ein Buch samt einer Satire über ein Buch mindestens, ein Buch, bei dem der Leser mitbekommt, daß der Autor sich nicht von unten her drauflosschreibend zum Buch durchgerungen hat, sondern daß er sich sozusagen von oben her zum Buch herabgelassen hat.

In seiner berufsmäßig überlegenen Kenntnis normaler Bücher gibt der Autor sogleich zu verstehen, daß ihm das Problem des Anfangs eines Buches völlig geläufig ist. Er schließt Kameraderie mit dem Leser, er gibt sich hilflos wie dieser, merkt aber nicht, daß genau diese Hilflosigkeit das tatsächlich einzig Ungespielte an seinem Verhalten ist. Er ahmt, im Grund aber nur zum Vertuschen seiner wirklich bestehenden Hilflosigkeit, die ihm bekannten Überlegenheitstricks nach: Bald sagt er, er wisse wohl, daß er nach derzeitiger Mode so und so weiterfahren müsse, er wolle aber doch anders, bald läßt er durchblicken, daß eigentlich nur er der Arrangeur aller beschriebenen Geschicke ist, oder eben auch nicht, schließlich kann er gar nicht mehr an sich halten und läßt eine Figur zu einer anderen sagen, sie habe das deutliche Gefühl, bloß eine Figur in einem erfundenen Buche zu sein.

Im Stil verfährt der Autor nach der witzigen Methode. Im ersten Durchgang schreibt er eine Menge von Sätzen hin, denen man in diesem Zustand keinerlei Inspiration anmerken würde. Dann geht er ein zweites Mal über sie hin, und nun möbelt er die Sätze auf. Hier und da, wenn er ein Österreicher ist, fügt er einen hübschen Austriazismus ein, ersetzt manche Glätte durch wohlklingende Umständlichkeiten, auch durch Absonderlichkeit, und ab und zu wird er poetisch. Im Prinzip ähnelt dieses Verfahren dem jener Leute, die ihren an und für sich eher langweiligen Erzählungen dadurch Würze geben, daß sie zum Beispiel statt darüber immer darob sagen. Zu solchen Leuten kommt immer irgend wann einer und sagt, vielleicht weil er sie sympathisch findet: Sie sollten das einmal aufschreiben. Im Falle unseres Autors muß dies Hans Weigel gewesen sein.

Unser Autor ist Jörg Mauthe, Journalist aus Wien. Sein Erstling, dessen Oder-Titel schon schwer zu denken gibt, ist –

Jörg Mauthe: "Die große Hitze oder die Errettung Österreichs durch den Legationsrat Dr. Tuzzi", Roman; Fritz Molden Verlag, Wien/München/Zürich, 1974; 256 S., 26,– DM.

Das klingt gleich nach Herzmanovsky, nach Doderer und Musil, und das soll es auch. Die Wiener scheinen ihre großen Autoren für so etwas wie besonders gelungene Sachertorten zu halten: Ein anderer guter Zuckerbäcker kann sie fast genau so gut herstellen.