Von Paul Flora

Es gibt ein Land, das liegt irgendwo am Traunsee und bei Byzanz, zwischen Trapezunt und den griechischen Inseln, hinter den attischen Wäldern, und es wird bewacht von den Schalmeiposten des österreichischen Außenamtes. Es liegt auch am Meer, an jenem Meer, das in einer kleinen Kiste aufbewahrt ist, die sich im Besitz eines Veteranen der Schlacht von Mortara befindet. Er hat sie als Abfertigung bekommen, an Stelle eines Ringelspiels. Läßt er dich ins Meer schauen, siehst du einen unendlichen blauen Abgrund, und wenn du Glück hast, "die Geburt der Venus, von der österreichischen Zollbehörde kontrolliert".

Dies Land heißt Tarockanien und stellt eine Parallelaktion zu Musils Kakanien dar. Es wurde ein wenig früher erdacht als dieses, hat eine vorbildliche Verfassung, die auf den strengen Regeln des Tarockspiels basiert, und wird abwechselnd von Männern regiert, die den Königen des Normaltarockspiels möglichst ähnlich sehen. Inmitten der tarockanischen Wälder ist die Hauptstadt zu vermuten, eine Mischung aus Wien, Bad Ischl, Venedig, Byzanz und Meran. Dort haust in einem Park, in einer von ihm selbst erdachten, verschnörkelten Jugendstilvilla Fritz von Herzmanovsky-Orlando – kurz FHO genannt–,der Erbwalter des Reiches, der Dolmetsch seiner Geheimnisse, ein Privatsurrealist.

Streng und bleich blickt Ahne Ensor aus dem Dachfenster, und in der reich ausgestatteten Bibliothek sitzt FHO mit seinem alten Freund Alfred Rubin. Sie lauschen Gustav Meyrinks okkulten Ratschlägen, wollen sie doch eine Fuß-

*) Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Tarockanische Geheimnisse. 108 Seiten mit Begleittext von Paul Flora und Kosmas Ziegler sowie 44 Faksimile-Reproduktionen von Buntstift- und Bleistiftzeichnungen. Format 32 X 30 cm. (Edition Tusch. Subskriptionspreis bis Ende Oktober DM 98, -. Endgültiger Ladenpreis DM 124, -)

tour durch Tarockaniens entlegenste Gegenden machen (und tatsächlich haben, sie Oberitalien im Jahre 1908 gemeinsam durchwandert).

Der Park der Villa ist ungemein belebt. Da treiben, sich allerhöchste Herrschaften herum, inländischer und ausländischer Adel und solcher vom Nonsberg, Personen aus dem Mittelstand und aus dem Volke, wehklagende Scheibbser, Figuren zweifelhafter Provenienz, gar welche aus dem Abschaum, aus der Hölle und aus dem Reiche der Täuschungen. Zu schweigen von einigen Hofzwergen, einem Affen in französischer Generalsuniform, Tyroler Hofräten, Kapuzinern, Schgumsern, Drachen, schwerfälligen Damenfreunden und Scaramuzzen. Schöne Gitschen aus Ranuy versüßen die Szenerie, und zwei Biedermeier-Dämonen verwehren dem zugereisten Wüstling Felicien Rops wegen allzu derb-direkter Sitten den Eintritt ins Haus.