Portugal hat den ersten Schritt auf dem mühevollen Weg der Entkolonialisierung getan: Zu Wochenbeginn unterzeichnete Außenminister Soares in Algier ein Abkommen, das Guinea-Bissau am 10. September in die Unabhängigkeit entläßt. Es war, nach dreizehn Jahren Krieg, ein Sieg der Befreiungsbewegung PAIGC und zugleich ein Erfolg für den portugiesischen Präsidenten General Spinola in seinem Machtkampf mit der "Bewegung der Streitkräfte".

Denn die jungen Offiziere, die im April das Caetano-Regime stürzten und Spinola an die Macht brachten, zeigen immer deutlicher ihre Unzufriedenheit mit dem Generals-Präsidenten, den sie dennoch, wie sie sehr wohl wissen, nicht ablösen dürfen, weil kein anderer das brüchige Gleichgewicht in Portugal garantieren kann. Während sie sich nach dem Motto "Ballast abwerfen" der afrikanischen Besitzungen so rasch wie möglich entledigen möchten, ficht Spinola zäh für sein Konzept "Behalten, was sich halten läßt". Im Fall Bissau hat er sich durchgesetzt. Die PAIGC mußte hinnehmen, daß die Bewohner der Kapverdischen Inseln über ihre politische Zukunft selbst abstimmen werden.

Freilich – der Verzicht auf Bissau fiel leicht, und wie der gestürzte Ministerpräsident Caetano jetzt in seinen Memoiren enthüllte, war Lissabon dazu schon vor zwei Jahren fast bereit, bis die Ultras im letzten Moment bremsten. Anders steht es mit den wertvollen restlichen Kolonien. In Angola können sich die rivalisierenden Kampforganisationen nicht einigen, und die weiße Bevölkerung zeigt nach blutigen Zusammenstößen mit den Afrikanern zunehmend Neigung, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich einen Teufel um Lissabons Wünsche zu scheren. In Moçambique stellt sich täglich deutlicher die – mittlerweile eingestandene – Unfähigkeit der Frelimo heraus, das Machtvakuum nach dem Abzug der Portugiesen zu füllen.

Doch hinter der portugiesischen Debatte über die Kolonialpolitik verbirgt sich in Wahrheit die Frage: "Kontinuität oder radikaler Neuanfang?" Spinola kennt die Gefahren eines abrupten Wechsels, die jungen Offiziere trauen sich zu, auch diese Krise zu meistern; der General sucht nach dem größten gemeinsamen Nenner, die Bewegung der Streitkräfte nach der glattesten Gleichung, Portugals Probleme zu lösen.

Und deren gibt es genug: Inflation, Arbeitslosigkeit, Produktionsrückgang, soziale Forderungen, finanzielle Lücken allerorten. Die rote Nelke, Symbol des Umsturzes, welkt; sie hat sogar, wie die Portugiesen bitter spötteln, Dornen bekommen. Der Jubel ist verstummt, der graue Alltag regiert, und Geduld ist eine Tugend, die den ratlosen Offizieren nicht weniger fehlt ab dem Volk. Das zarte Pflänzchen Demokratie ist aber in vier Monaten nicht so weit gewachsen, daß es einem Sturm – gleich, aus welcher Richtung – trotzen könnte. Horst Bieber