Von Werner Sonntag

Die Ärzte von Baden-Württemberg haben gefordert, die Raucherzimmer und Raucherecken an den Schulen abzuschaffen – eine Meldung, die kürzlich bundesweit durch die Zeitungen ging. Die Aufhebung einer Einrichtung zu verlangen, die von vielen Schülern und sicher auch von progressiven Lehrern als emanzipatorischer Akt verstanden worden war, ist von den Beteiligten, Schülern, Elternvertretern, den Lehrern und der Schulverwaltung, mit Stirnrunzeln aufgenommen worden. Nicht, daß die Erwachsenen sonderlich glücklich über den Nikotinkonsum der Jugend wären (in der Bundesrepublik raucht nach Medical Tribune etwa eine halbe Million Jugendliche regelmäßig vor dem 16. Lebensjahr) – die Einwände sind vielmehr schulpolitischer und psychologischer Art. Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Graf Waldburg-Zeil, glaubt, daß ein Rauchverbot an Schulen, von dem die Lehrer im Konferenzzimmer ausgenommen wären, die Schüler veranlassen werde, heimlich auf dem Klo zu rauchen. Graf Waldburg ist Nichtraucher.

Läßt man sich jedoch von dem ärztlichen Paukenschlag und seinem Nachhall an den Schulen nicht verwirren und schaut, um im Bild zu bleiben, in die medizinische Partitur, kann man nicht verkennen, daß die Ärzte mit der Eindämmung des Rauchens im Jugendalter den richtigen epidemiologischen Ansatz verfolgen. Wer nämlich als Jugendlicher zu rauchen beginnt, wird im allgemeinen Gewohnheitsraucher. Dies ist eine Erkenntnis, die Professor Rainer Tölle von der Psychiatrischen und Nervenklinik der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster aus einer Befragung von 1000 Zigarettenrauchern gewonnen hat (fünf Gruppen: Arbeiter oder Handwerker in Industriebetrieben, Beamte oder Behördenangestellte, Studenten und Studentinnen der Tübinger Universität sowie 200 Alkoholsüchtige). Die Untersuchung "zur Psychologie und Psychopathologie des Rauchers", deren Fragestellungen jeweils in Beziehung zu anderen einschlägigen Veröffentlichungen gesetzt werden, ist jetzt unter dem Titel "Zigarettenrauchen" als Buch erschienen (Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg).

Wie wird man Raucher? Ob jemand zu rauchen beginnt, hängt nach Tölle und den von ihm zitierten Autoren wesentlich von sozialen Faktoren ab:

  • wenn die Eltern rauchen (Identifikation),
  • wenn die Freunde rauchen (Solidarisierung),
  • wenn der Jugendliche in die praktische Berufsausbildung oder -ausübung eintritt (männliches Gehabe),
  • schließlich vom Umweltmilieu im ganzen (nach einer amerikanischen Untersuchung mit Kontrolle nach fünf Jahren waren Jungen, die inzwischen im Beruf standen, häufiger zu Rauchern geworden als die Studierenden, wie denn überhaupt in den unteren sozialen Klassen mehr geraucht wird als in den oberen).

Im Alter von unter 15 Jahren haben knapp fünf Prozent (davon bei den Arbeitern zwölf Prozent) der von Tölle befragten 800 gesunden Raucher mit dem Qualmen begonnen. Im Alter von 18 Jahren räumten bereits zwei Drittel der Befragten. Mädchen fangen im Mittel später zu rauchen an. Wer bis zum 20. Lebensjahr Nichtraucher ist, bleibt es zumeist. Wer hingegen früh das Rauchen begonnen hat, entwickelt sich öfter zum starken oder sehr starken Raucher (mehr als 24 Zigaretten täglich) und bevorzugt Zigaretten ohne Filter.

Die Fortsetzung des Rauchens wird nach Meinung Tolles insbesondere durch pharmakologische Faktoren, nämlich Gewöhnung und Dosissteigerung, bestimmt. Die Kurve des Konsums steigt bis zum 45. Lebensjahr steil an und sinkt danach leicht. Die Tatsache, daß der Zigarettenkonsum in späteren Lebensabschnitten, etwa vom 55. bis 60. Lebensjahr an, abnehme, könne, so heißt es bei Tölle, kein Anlaß zu Optimismus sein, da derjenige, der einmal angefangen habe zu rauchen, mit siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit für etwa 40 Jahre regelmäßiger Raucher bleibe.