Von Hermann Lewy

Ein Geschichtsbuch, das im Jahre 1929 bereits erschienen ist und jüngst neu aufgelegt wurde, läßt die Frage aufkommen, ob es berechtigt ist, die Neuauflage unverändert herauszugeben, besonders dann, wenn es um das Leben eines Juden in Deutschland geht, dem ein ungerechtfertigter, ungerechter Prozeß gemacht wurde. Eine Historikerin von Rang und Namen hat es gewagt:

Selma Stern: "Jud Süß. Ein Beitrag zur deutschen und jüdischen Geschichte"; Gotthold Müller Verlag, München 1974; 348 S., 34 DM

Selma Stern bemerkt im "Vorwort zur Neuausgabe", daß der Gedanke nahegelegen hätte, "alle in der Zwischenzeit erschienenen Kritiken und literarischen Erzeugnisse, besonders der Naziperiode, dem Werk einzufügen", sie dies aber absichtlich – einem Worte Meineckes folgend – unterlassen hat, "weil jedes ernste historische Werk die eigene Zeit des Verfassers ebenso widerspiegelt wie die Epoche der Vergangenheit, die er schildert".

Man darf ihr voraus bescheinigen, daß ihr auf umfangreichem Quellenstudium beruhendes Werk anschaulich die Epoche der Vergangenheit, nämlich das Schlußkapitel des Jud Süß (1692–1738) in Württemberg, schildert. Wer jedoch die eigene Zeit der Verfasserin sucht, wird zu kurz kommen. Der Schlußsatz, der 1929 noch einigermaßen gerechtfertigt war, lautet: "Erst im 19. Jahrhundert sollte im Gange geschichtlicher Entwicklung der Jude, nicht mehr der hinausgehobene, einzelne, sondern der Bürger gewordene Jude schlechtweg die Rechte gewinnen, die ihn davor schützen, anderes Recht als das allen gemeinsame erfahren und erleiden zu müssen." Selbst wenn man diese These sachlich, ohne Ressentiments und rein historisch betrachtet, ist sie mehr denn anfechtbar, geworden, berücksichtigt man die Zeit, die zwischen der 1929er Erstausgabe und der Gegenwart liegt.

Noch unverständlicher bleibt die Einstellung der Autorin, liest man auf den Seiten 164/65: "Es ist wohl der einzige politische Prozeß der Geschichte", (der Prozeß nämlich gegen Joseph Süß-Oppenheimer), "in dem ein Angeklagter in lüsternster Weise über ein Liebesleben vernommen und über intimste Dinge immer wieder befragt wurde. Es ist wohl auch das einzige Mal geschehen, daß Frauen, weil sie liebten, gefangengenommen, mißhandelt, dem taktlosesten Verhör ausgesetzt und schließlich einer körperlichen Untersuchung unterzogen wurden". Diese Aussage stimmt 1974 überhaupt nicht mehr, wofür Gründe anzuführen sich erübrigt, da sich das Gegenbeweismaterial bedauerlicherweise in Hülle und Fülle anbietet.

Aber – und darin liegt der hohe Wert der mit bewundernswerter Akribie betriebenen Forschung von Selma Stern-Taeubler –, es ist der Autorin gelungen, die Geschichte des Joseph Süß-Oppenheimer ihren Lesern geschichtsgetreu nahezubringen. Hört man den Namen Jud Süß, tauchen Erinnerungen auf an Hauffs Novelle, hundert Jahre nach der grausamen Hinrichtung des Oppenheimer geschrieben, an die Dramen von Paul Kornfeld (1930) und Eugen Ortner (1933) und den mit dichterischer Freiheit 1930 geschriebenen Roman Lion Feuchtwangers (hierzulande allzuwenig bekannt), aber auch an den Film gleichen Namens voller Haß und Hetze unter der Regie Veit Harlans mit Werner Kraus und Fred Marian.