Die Börsenstimmung wechselt schnell. Der kräftigen Kurserholung am Monatsbeginn ist inzwischen ein neues Tief gefolgt. Dabei sind es weniger die konjunkturellen Daten, die zu einer Neubeurteilung der Kurse führten. Vielmehr scheint es so zu sein, daß sich die deutschen Aktienmärkte nicht mehr länger der weltweiten Börsen-Baisse entziehen konnten. Als ein neuer Schub deutscher Aktien aus dem Ausland, in erster Linie aus England, kam, war es mit den Anlagekäufen deutscher Stellen vorbei. Der deutsche Berufshandel, gerade wieder unternehmungslustig geworden, stellte sofort die aufgelaufenen Gewinne sicher. Bei den VW-Aktien lohnte es sich sogar; denn von ihrem Tiefpunkt aus gerechnet hatten sie sich bis Mitte August um rund 40 Prozent gebessert!

Mit dem erneuten Kursrückgang hat das große Schlottern wieder eingesetzt. Von möglichen Auswirkungen einer im Gange befindlichen Zinssenkung, auch wenn sie nur in kleinen Schritten vonstatten geht, spricht niemand mehr.

Interessant ist, daß jene Papiere, die in den letzten Wochen an der Kurserholung unterdurchschnittlich teilgenommen haben, jetzt einigermaßen stabil liegen. Dazu gehören die Aktien der Großchemie, bei der die Gewinne auch in dem schwierigen Jahr 1974 noch steigen. Gut im Markt liegen auch die Aktien der Stahl-Konzerne, bei denen die Kasse ebenfalls stimmt. Daß die Großbank-Aktien trotz besserer Ertragsaussichten empfindlich sind, liegt an den Insolvenzen im deutschen Bankgewerbe. Unter Druck liegen die Aktien der Elektro-Unternehmen. Die Nachricht, daß Siemens im Fernmeldebereich Kurzarbeit einführen muß, hat weltweites Aufsehen erregt. Ein empfindliches Papier wie die AEG-Aktie wurde sofort in den Abwärtsstrudel einbezogen und näherte sich am Wochenbeginn wieder seinem historischen Tiefstpunkt.

Versorgungsaktien gehören weiterhin zu den Mauerblümchen. Der Bericht von VEW, in dem von konjunkturellen Absatzverschlechterungen die Rede ist, beeinflußte nicht nur den VEW-Kurs, sondern auch die der übrigen Papiere dieser Branche. Besonders auch die Badenwerk-Aktien, die sich in der kurzen Dauer ihres Börsendaseins als eine große Enttäuschung entpuppten. Das RWE hat für das am 30. Juni 1974 beendete Geschäftsjahr wieder die alte Dividende angekündigt. Das war natürlich keine Überraschung. Eine solche wäre es gewesen, wenn darüber hinaus von einem Gelsenberg-Bonus die Rede gewesen wäre.

K. W.