Genschers feine Art

Ein Lehrstück in feiner diplomatischer Art führte der kommissarische FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher seinem Präsidium und dem FDP-Geschäftsführer Harald Hoffmann vergangenen Donnerstag in München vor. Nachdem Hoffmann wenige Tage zuvor in einem Zeitungsaufsatz die Notwendigkeit bestritten hatte, einen Generalsekretär zu berufen, eröffnete Genscher die Präsidiumssitzung mit den Worten: "Meine Damen und Herren, statt mit einer Bibel-Lesung möchte ich die Sitzung mit einer Lesung aus unserer Satzung eröffnen." Und dann verlas er die Passage, die bestimmt, daß dem Präsidium Vorsitzender, Stellvertreter usw. angehören, ferner der "Generalsekretär, der vom Bundesparteitag auf Vorschlag des Vorsitzenden" gewählt werde. Mit einem Blick auf den verlegen harrenden Hoffmann stellte Genscher fest, daß das amtierende Präsidium eigentlich gar nicht satzungsgemäß zusammengesetzt sei, fügte dann freilich hinzu, daß die politischen Gründe für einen Generalsekretär gewichtiger seien als die formalen. Nachfolger Karl Hermann Flachs mit größter Wahrscheinlichkeit: Baden-Württembergs FDP-Vorsitzende Martin Bangemann.

Suche nach dem Dritten Weg

Im "Internationalen Kulturzentrum Achberg" bei Lindau am Bodensee diskutierten dreihundert Gäste – Studenten und Handwerker, Anthroposophen und Marxisten, radikale Liberale und Christen, Pazifisten und Anarchisten – über Theorie und Praxis eines Dritten Weges zwischen den Systemen von Ost und West, vor allem über Modelle der Selbstverwaltung in Betrieb und Staat, in Schule und Krankenhaus. Beim ersten Jahreskongreß 1973 kamen eine Reihe emigrierter Reformpolitiker aus der ČSSR zu Wort. Die Arbeitsgruppen suchen nach einer Synthese von sozialistischer Gemein Wirtschaft, demokratischem Pluralismus und liberalem Funktionalismus.

Forsche Außenpolitik

Premierminister Whitlam zeichnete sich im Monat August durch außerordentliche Aktivität aus. Australien hat 1. Nordkorea offiziell anerkannt; 2. der Sowjetunion bestätigt, daß Canberra deren Autorität über die baltischen Staaten anerkennt; 3. dem Internationalen Roten Kreuz mitgeteilt, daß es nicht gegen die Anwesenheit von Vertretern der kommunistischen Revolutionsregierung Südvietnams – also des Vietcong – während der September-Konferenz in Luzern protestieren wird; 4. sich bereit erklärt, den schwarzen Guerilla-Verbänden, die sich gegen Rhodesien, Südafrika und Portugal richten, 250 000 Dollar für "humanitäre Zwecke" zur Verfügung zu stellen.

Unternehmen Unabhängigkeit

700 Energieplaner sind mit Forschungsarbeiten beschäftigt, seit Präsident Nixon ihnen im letzten Winter die Aufgabe stellte, die USA bis 1980 von Energieeinfuhren unabhängig zu machen. Wenn das "project independence" gelingen soll, müßte Amerika seine Kohleproduktion verdoppeln, die Stromkraftkapazität verfünffachen und die Öl- und Naturgaserzeugung um die Hälfte vergrößern. Geschätzter Kostenpunkt: 600 Milliarden Dollar – niemand glaubt mehr an das Gelingen dieses Unternehmens.