Von Sibylle Krause-Burger

Herbert Kramer sieht aus wie viele seiner Altersgenossen: lange Haare, saloppe Kleidung, ein halbfertiges Gesicht. Er ist einer von anderthalb Millionen Jugendlichen in der Bundesrepublik, und er ist doch ein Außenseiter. Herbert Kramer zählt zur Randgruppe jener insgesamt 240 000 Mädchen und Jungen (die Ausländer sind dabei nicht mitgerechnet), die hierzulande keinen Beruf erlernen, die sich von der Schule weg bei irgendeinem Arbeitgeber verdingen, dort Hilfsdienste in Büros und Werkhallen verrichten und am Monatsende mit ein paar hundert Mark in der Tasche fürs erste noch stolz nach Hause ziehen.

Herbert Kramer, zum Beispiel, arbeitet als Laufbursche in der Poststelle eines Großbetriebes. Runde 700 Mark stecken allmonatlich in seiner Lohntüte, und für den Siebzehnjährigen ist das natürlich "eine Menge Geld". Seine Zukunft erscheint ihm noch in rosigem Licht: "Irgendwann werde ich die Lehre nachholen und einen Beruf lernen. Das überleg ich mir noch. Bote, das kann man natürlich nicht ewig bleiben."

Was Herbert Kramer heute noch als ein schnurgerader Pfad zu höheren beruflichen Weihen erscheint, wird freilich für die Mehrzahl aller Jugendlichen ohne Ausbildung schnell zur Sackgasse. Nur wenige finden aus der Rolle des Hilfsarbeiters wieder heraus. Die Entscheidung, erst einmal nicht weiterzulernen, ist nur selten rückgängig zu machen. Wer heute als Laufbursche anfängt, kehrt morgen den Hof und verrichtet später irgendwelche simplen Handgriffe am Fließband.

Die Ursachen für diese so häufig zwangsläufige Entwicklung sind leicht aufzuspüren. Jugendliche ohne Ausbildung (im Fachjargon "JoA" genannt) sind zumeist Söhne und Töchter von Eltern, die selbst über den Status des Hilfsarbeiters nie hinausgefunden haben; junge Leute aus sozialschwachem Milieu, aus der Unterschicht oder zerrütteten Familien, von denen zwar früh verlangt wird, daß sie zum Unterhalt beitragen, denen aber niemals vorgelebt worden ist, daß der Mensch auch strebsam sein und eine Karriere machen kann.

Unter den Jugendlichen, die sich in der Bundesrepublik ohne Ausbildungsverhältnis durchzuschlagen versuchen, stellen die Mädchen mit zwei Dritteln den weitaus größten Anteil. Aber daß 20 Prozent der Mädchen und nur acht Prozent der Jungen kein deutliches Berufsziel verfolgen, beweist doch, wie hartnäckig sich auch im sozial stabileren und intellektuell vielleicht etwas anspruchsvolleren Milieu die Vorstellung hält, Mädchen seien für die Ehe und nicht fürs Arbeitsleben zu erziehen.

Dabei ist die Kümmerexistenz als Bote oder Lagerist nicht einmal das Schlimmste, was den Durchschnitts-JoA erwartet: In Krisenzeiten trennen sich die Betriebe erfahrungsgemäß zuerst von den wenig qualifizierten Kräften.