Von Haug von Kuenheim

Auf dem Schreibtisch des „Gnadenreferenten“ Dr. Schäfer im hessischen Justizministerium liegt die Akte Emil Bednarek. In Kürze wird sie an Ministerpräsident Osswald weitergeleitet werden. Er hat dann als letzte und höchste Instanz zu entscheiden, ob er den „Lebenslänglichen“ Emil Bednarek begnadigt.

Emil Bednarek wurde vor neun Jahren, am 19. August 1965, im Auschwitzprozeß in Frankfurt am Main wegen Mordes in vierzehn Fällen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, und ihm wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit abgesprochen. Unter den 17 Verurteilten dieses ersten großen Auschwitzverfahrens war Emil Bednarek eine Ausnahme.

Er war im Vernichtungslager Auschwitz, wo über eine Million Menschen vergast, ermordet oder-erschlagen wurden, nicht eine SS-Charge, wie seine Mitangeklagten. Er wurde vielmehr von der SS am 7. Juli 1940 in das gerade neuerrichtete KZ transportiert – seine Häftlingsnummer, war 1325 – und er war einer der wenigen Häftlinge, die diese Hölle überlebten. Aber er wurde, so befand das Schwurgericht, in Auschwitz schuldig. Als von der SS eingesetzter Blockältester habe er 14 Menschen erschlagen oder zu Tode gequält.

Ich sitze in der Strafanstalt Butzbach Emil Bednarek im Besuchszimmer gegenüber. Er ist der an Jahren älteste Häftling in Butzbach, er ist 67 Jahre alt, und er ist ein kranker Mann. Immer wieder faßt er sich ans Herz und greift während unseres Gesprächs ständig in seine Tablettenschachtel. Wir trinken Limonade. Sein Redefluß ist nicht zu bremsen. Zwei ängstlich unruhige Augen blicken mich an, während er vom Lager erzählt, vom Prozeß, von den Beschuldigungen, deretwegen er verurteilt wurde. Er holt weit aus und schweift ab. Sein Deutsch ist hart.

Im oberschlesischen Königshütte wurde er geboren, und hier wurde er auch 1940 von der Gestapo verhaftet, weil sie ihn als Mitglied einer polnischen Widerstandsgruppe identifizierte. Er erzählt von seinen Kindern, die noch heute in Königshütte leben, und er zeigt Photographien seiner Enkelkinder. Nach dem Krieg und der Befreiung durch die Amerikaner hatte er bis 1960 in Schirnding gelebt. Die Schirndinger wußten, daß er aus Auschwitz kam, und die Behörden haben ihm auch eine Wiedergutmachungszahlung bewilligt. Er hatte es in Schirnding zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Die Buchführung für seinen Lebensmittelladen, der heute von einer alten Dame in seinem Namen weitergeführt wird, erledigt er von seiner Zelle in Butzbach aus.

In Schirnding war er auch Pächter der Bahnhofsgaststätte. Da erkannten ihn ehemalige Mithäftlinge wieder und zeigten ihn an. Im November 1960 wurde er verhaftet. „Wenn ich wirklich der Sadist und Schläger gewesen wäre, warum haben mich meine Mithäftlinge nicht den Amerikanern übergeben, als wir befreit wurden?“ fragt Emil Bednarek.