Von Adolf Metzner

Rom, im September

Die Ewige Stadt ist Anfang September auch eine heiße Stadt. Ausgerechnet diesen Termin hatten sich die Leichtathleten für ihre elften Europa-Meisterschaften ausgesucht. Aber in gemäßigten Breiten zeigt der September schon das Ende der Saison an. Deshalb versuchten es die Veranstalter mit einem Kompromiß und legten die Finalkämpfe in den Abend. Aber auch da herrschten in den ersten Tagen noch hochsommerliche Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit, was die reinen Ausdauerleistungen natürlich ungünstig beeinflußte.

Zum Programm muß kritisch vermerkt werden, daß es immer mehr aufgebläht und künstlich in die Länge gezogen wird, selbst auf Kosten aufkommender Langeweile. 1934 in Turin und 1938 in Paris kam man noch mit drei Tagen aus, allerdings ohne Frauenwettbewerbe. Dann wurden es vier, fünf und schließlich 1966 in Budapest sechs Tage. Dabei blieb es, bis jetzt die Italiener einen Rekord mit acht Tagen aufstellten, einschließlich des völlig unnötigen Ruhetages. Auch die eigene Eröffnungsfeier war neu und in dieser Form überflüssig.

Was eine Vorführung der römischen Feuerwehr, die in Minutenschnelle ein Auto ab- und wieder aufmontierte, mit der Leichtathletik zu tun hat, ist unerfindlich. Die vom Himmel schwebenden Fallschirmspringer, mit ihrer Ziellandung im Stadion, machten sich zwar recht spektakulär, aber auch hier wird niemand Assoziationen zur „Atletica leggera“ herzustellen vermögen. Schon eher wären Parallelen zur Kühnheit jener Matrosen, die in der Antike das riesige Sonnensegel hoch über dem Kolosseum setzten, zu finden; ein Spektakel, das damals immer den tosenden Beifall der 45 000 herausforderte.

Zumindest originell war die von Schauspielern nachvollzogene Tragödie des italienischen Marathonläufers Dorando Pietro, der 1908 bei der Olympiade in London bis an die Grenze der Selbstaufopferung, mehrmals zusammenbrechend, sich nur mit Hilfe von Offiziellen als erster über die Ziellinie schleppen konnte und disqualifiziert werden mußte. Ein Teil des Publikums mißverstand allerdings diese Pantomime und wertete sie als lustigen Gag.

Viele glauben, das Stadio olimpico in Rom, bei dessen Entwurf die alten Amphitheater Pate standen, sei das schönste der Welt. Als ich vor dem Kriege zum erstenmal nach Rom kam, der Kunst und nicht des Sportes wegen – mit dem Cicerone und Gregorovius im Gepäck – hatte diesen Superlativ noch das daneben liegende Marmorstadion für sich gepachtet. Damals lief ich dort fast ehrfürchtig eine Runde im Angesicht der 48 weißen Kolossalfiguren. Aber diese Produkte aus der Mussolini-Ära triefen von Pose und Pathos. Dennoch war am letzten Trainingstag die Atmosphäre einmalig. Alles war verspielt und gelöst, Athleten und Zuschauer. Dazu die Pinienhänge als Kulisse, vom Sfumato des römischen Lichtes verzaubert und selbst den bleichen Marmorgesellen schien die Abendsonne Leben einzuhauchen.