Von Rudolf Walter Leonhardt

Wenn es dem Teufel in der Hölle zu kalt ist, geht er im August in die Berge hinter Lucca. Er bringt einen Hofstaat von Mäusen, Schlangen, Schnaken und Hornissen mit.

Bei den Bädern von Lucca in der Toscana traf Heine die ein wenig exzentrische Irin Mathilde, deren Name ihm so gefiel, daß er ihn später seiner Frau zulegte. Bei Lucca, aber fern von allen Bädern oder auch nur wassergefüllten Badewannen, traf ich einen nicht unnötig exzentrischen Viertel-Iren (der Rest ist englisch), der dort dem merkwürdigen englischen Vergnügen huldigte, to rough it, was man übersetzen könnte mit: die Kunst, sich das Leben unbequem zu machen. Sie besteht zum Beispiel darin, daß ein Millionär sich, "günstig", von einer entfernten Bekannten ein halbverfallenes Bauernhaus mietet, wo die Mäuse zahlreich auf den Balken promenieren, wo eine erstaunlich variantenreiche Kleinst-Fauna alles, was nach Mensch riecht, beißt und zwickt, wo es keine Zeitungen gibt und kein Telephon, kein Radio und kein Fernsehen.

Post kommt nur selten an. "Am besten schicken Sie ein langes Telegramm – das imponiert den Italienern zu sehr, als daß sie es guten Gewissens liegen ließen."

So geschah’s. So traf ich den Spion, der aus der Kälte kam und in die Hochsommerhitze ging, oder vielmehr den Autor, der sich John le Carré nennt, obwohl das von Amerikanern gern "li Kahr" gesprochen wird.

Das Pseudonym wurde gewählt, als David Cornwell, wie er in Wirklichkeit heißt, im Dienst Ihrer Majestät der Königin von England stand. Unter Diplomaten gilt es als unseriös, Literatur zu produzieren. Das haben auch illustre Kollegen schon erfahren. Der französische Konsul Marie Henri Beyle nannte sich als Romancier Stendhal; und die Dichtungen des französischen Legationssekretärs Marie-René-Auguste Alexis Saint-Leger erschienen unter dem Namen Saint-John Perse.

Warum aber ausgerechnet John le Carré für einen Mann, der zwar sehr gut Französisch spricht, aber doch seine Englischkeit (und das Viertel irishness) verleugnen weder kann noch will? Der Name gefiel ihm. "Ich kam ziemlich oft an einem Schuhgeschäft vorbei, das so ähnlich hieß."

Nun ist es ja auch in der Branche, die David Cornwell zum Gegenstand seiner erzählerischen Leidenschaft gemacht hat, ganz üblich, mehr oder minder zufällige Codenamen sich zuzueignen. So wie zum Beispiel "tinker" oder "tailor" oder "soldier". Sie stammen aus einem englischen Auszählvers von Kindern, unserem "Kaiser, König, Edelmann" entsprechend. In der deutschen Übersetzung wurde aus metrischen Gründen "Dame, König, As" vorgezogen, weil an den Titel, von dem hier die Rede ist, noch "Spion" angehängt werden und das Ganze rhythmisch klingen sollte.

"Tinker, Tailor, Soldier, Spy", oder eben "Dame, König, As, Spion" heißt der neue Roman von John le Carré, der noch erfolgreicher zu werden verspricht als der berühmte "Spion, der aus der Kälte kam". In Amerika, für einen englischschreibenden Autor der wichtigste Markt, steht er bereits an der Spitze der von der "New York Times" und von "Time" veröffentlichten Bestseller-Listen. In Deutschland wurde er Ende letzten Monats an die Buchhandlungen ausgeliefert. (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 400 S., 28,– DM.)

Ich habe das Buch rein kulinarisch und mit stetig wachsender Faszination gelesen. Aber statt es auf die übliche Weise zu rezensieren, wollte ich lieber den Autor besuchen, und mit ihm darüber, und nicht nur darüber, sprechen.

Da war zunächst die Frage, die vor allem in Deutschland gern gestellt wird: Warum schreibt jemand, der als Schriftsteller ernst genommen werden will (und das will John le Carré zweifellos, wenn er es sich auch nicht unnötig anmerken läßt), Spionagegeschichten?

"Sie zwingen mir eine Form auf. Ich brauche Ordnung, Ordnung im Chaos. In der Form der Spionagegeschichte kann ich alles sagen, was ich zu sagen habe, was ich sagen will."

Genau das ist es wohl, was diesen Romanen Tiefgang schafft. Die Form des Krimi- und Agentenschachs gibt dem Spiel Regeln. Aber die Figuren beschränken sich keineswegs darauf, zwei Schritte vor und einen Schritt zur Seite zu springen; sie gehen ihren eigenen Weg, wodurch zuweilen das ganze kunstvolle Spiel in lebendige Unordnung gerät. "Eigentlich ist ‚Tinker, Tailor...‘ ein Liebesroman", sagte David Cornwell. Zunächst fand ich das verblüffend. Freilich, "die letzte Illusion eines Mannes, der keine Illusionen mehr hat" ist ein dauernd wirksames Motiv der Handlung. Und diese Handlung kommt überhaupt erst in Gang dadurch, daß eine russische Agentin dem Engländer, in den sie sich verliebt hat, Geheimnisse verrät.

John le Carrés vorletzter Roman war ein Liebesroman, "The Naive and Sentimental Lover (1971), deutsch: "Der wachsame Träumer", 1972). Er wurde von Kritik und Lesern nur mit gedämpftem Enthusiasmus aufgenommen. Der Markt reagiert unfreundlich, wenn eine Cognac-Firma Sekt herstellt. Der Handel vertreibt am liebsten Markenartikel. Und durch "The Spy Who Came infrom the Cold" (1963, "Der Spion, der aus der Kälte kam") war die Firma John le Carré auf den Markenartikel Spionage-Roman festgelegt worden.

Vorangegangen waren "Call for the Dead" (1960, "Schatten von gestern") und "Murder of Quality" (1962, "Ein Mord erster Klasse"). Nach dem "Spion" schrieb le Carré dann noch "The Looking-Glass War" (1965, "Krieg im Spiegel") und "A Small Town in Germany" (1968, "Eine kleine Stadt in Deutschland"). Sie festigten den Ruf des Markenartikels, ohne den ganz großen Erfolg des "Spions" erreichen zu können. Der zeichnet sich erst jetzt mit dem neuesten Roman "Tinker, Tailor, Soldier, Spy" wieder ab.

David Cornwell ist dadurch ein reicher Schriftsteller, also so etwas wie ein schwarzer Schimmel, geworden. Er könnte jedenfalls sehr reich sein, wenn er nicht in einem Lande lebte, wo Spitzenverdiener 92 Prozent Steuern zahlen müssen.

Ein Kollege fragte ihn erstaunt, warum er nicht – wie zum Beispiel Graham Greene – England verlasse.

Er antwortete: "Ich hab’s versucht. Es war sehr nett. Die griechischen Inseln, Paris, Amerika, Wien, die Schweiz. Viele Vorteile. Nachdem ich eins gegen das andere abgewogen hatte, wurde mir klar, daß ich in England leben möchte. Englische Wertvorstellungen finde ich gut. Ich will, daß meine Kinder englische Freunde haben. Es gefällt uns hier."

England ist sehr schön dort, wo David Cornwell mit seiner zweiten Frau, Jane, und dem jüngsten seiner Söhne wohnt (die anderen drei besuchen ihn in den Schulferien): weit im Südwesten Cornwalls, wo hinter Penzance das Land im Meer verschwindet. Dort hat er drei Landarbeiterkaten umgebaut zu einer bei aller Bescheidenheit stattlichen Residenz. Gleich hinterm Haus fallen die Klippen steil ab zum Meer, dessen Rauschen das einzige Geräusch ist, das aus der Außenwelt zu ihm hereindringt.

Ich erzählte ihm von Heines geradezu krankhafter Empfindlichkeit gegen Lärm. Das interessierte ihn. "Genau wie bei mir." Überhaupt interessiert ihn deutsche Literatur, vom Nibelungenlied über Grimmelshausen bis zu den Romanen von Heinrich Böll.

Er studierte Deutsch in Bern und Oxford (1952 bis 1956), war Deutschlehrer in Eton (1956 bis 1958), Sekretär bei der britischen Botschaft in Bonn (1961), Konsul in Hamburg bis vor zehn Jahren. Der Erfolg des "Spions, der aus der Kälte kam" (1963) schenkte ihm die Freiheit.

"Wenn ich nicht so gern in England lebte, dann möchte ich am liebsten in Deutschland wohnen", sagte er in Lucca, als sich die Temperatur frühmorgens auf 28 Grad im Schatten abgekühlt hatte. Zwar ließ er sich als echter Engländer auch durch glühende Sonnenhitze nicht von schweißtreibenden Ballspielen abhalten ("mad. dogs and Englishmen go out in the midday sun"), aber daß Italien nicht sein Land ist, hat sich nun doch herausgestellt. Der Urlaub dort wurde noch früher abgebrochen, als es eine am 11. September in Hamburg beginnende Vortragsreise durch Deutschland und die Schweiz verlangte.

Es paßt zu diesem Engländer, daß er eine Rittertugend besonders schätzt, die er bei der Beschäftigung mit den Versepen des deutschen Mittelalters kennengelernt hat: die "mâze" – die Kunst also, das rechte Maß zu halten zwischen den Extremen –

"vor gote ich guoten wîben bite, daz in rehtiu mâze volge mite" (Parzival).

Er ist weder nationaler Chauvinist noch internationaler Kosmopolit, weder Kapitalist noch Marxist, weder Einzelgänger noch Gesellschaftsmensch; er bemüht sich in allem um eine liberale Mitte, die nicht lau ist.

Und obwohl er die gefährliche Unterstellung, es sei vieles von der Welt und der Art des David Cornwell in die Romane des John le Carré eingegangen, beinahe heftig zurückweist, macht er doch den Besucher selber darauf aufmerksam, daß eben dies die Tugend von George Smiley sei: mâze.

Smiley, der gar nicht smarte, weder junge noch sportgestählte Agent, ein Anti-Held, mit Bauch, fern von James Bond und Konsorten, interessiert sich übrigens auch für deutsche Literatur. Er gehört zusammen mit seiner schönen Frau Ann seit langem zu John le Carrés ständigem Roman-Personal. Einst wartete er nur, diesseits der Mauer, auf den Spion Alex Leamas, der aus der Kälte nicht zurückkommen wollte. Jetzt mausert er sich zur Hauptfigur, zum einzigen Profi, den die Engländer noch gegen den allmächtigen russischen Geheimdienstchef "Karla" einzusetzen haben.

Natürlich ist Cornwell nicht Smiley. Er ist schon mal mindestens zwanzig Jahre jünger (demnächst 43). Und seine Erfahrungen mit dem Geheimdienst beschränken sich auf ein wenig Nachrichtentätigkeit ("intelligence") bei der britischen Armee im besetzten Österreich.

Seine stupenden Kenntnisse jener finsteren Welt der Agenten und Spione verdankt er fleißigem Studium – und blühender Phantasie. Ein amerikanischer Rezensent beklagte, man müsse schon ein Eingeweihter sein, um den verschlungenen Pfaden von John le Carrés Skalpjägern und Laternenanzündern (die in der im übrigen recht brauchbaren deutschen Übersetzung von Hedda Soellner allzu farblos "Aufklärer" heißen) ganz folgen, um all diese geheimnisvollen Codebezeichnungen immer richtig verstehen zu können. Wahr ist allerdings: die "Skalpjäger" und "Laternenanzünder" und manches andere sind nicht Geheimdienstjargon, sondern Produkte der Einbildungskraft von John le Carré.

Nicht ein Abklatsch der Wirklichkeit sind diese Romane. Aber sie stimmen, die Grundmuster stimmen. Wer "Dame, König, As, Spion" gelesen hat, der fühlt sich versucht, Günter Guillaume als Figur aus einem John-le-Carré-Roman zu begreifen.

In der Tat sind da viele Wirklichkeitsfragmente verarbeitet. Nicht der "Fall Guillaume"; als der aufplatzte, war Cornwells Roman so gut wie beendet. Aber der Fall Philbys vor allem, jenes englischen Salon-Kommunisten, dessen Verrat britischer Geheimnisse an die Sowjets zu einer Kontroverse geführt hatte zwischen David Cornwell und Graham Greene, dem im übrigen hochgeschätzten Kollegen, von dem Cornwell auch (so meine ich) einiges gelernt hat und dem er gerade in diesem Roman ziemlich nahekommt.

Graham Greene hatte Philby verteidigt: Es sei moralisch nicht verwerflich, auch das sogenannte Vaterland zu verraten um der Menschheit willen.

David Cornwell hatte geantwortet: Moralisch höchst verwerflich sei es, um der Menschheit willen die Menschlichkeit, also zum Beispiel seine Freunde, zu verraten, und den Tod derer, die einem vertraut haben, in Kauf zu nehmen.

Vielleicht macht das die Hauptanziehungskraft David Cornwells wie John le Carrés aus: dieser Versuch, etwas von englischer Fairneß (oder mittelalterlich-deutscher mâze) hinüberzuretten in eine Welt, in der England keine Rolle mehr spielt.

Wer "Dame, König, As, Spion", den Roman von der Entlarvung des russischen "Maulwurfs" an der Spitze des englischen Geheimdienstes, mit Vergnügen und Gewinn gelesen hat, ist gespannt darauf, wie die Auseinandersetzung zwischen "Karla" und Smiley weitergehen wird.

Ich wage zwei Prognosen, denen vorauszuschicken wäre, daß David Cornwell vor kurzem von einer Asienreise zurückgekehrt ist.

1. Die zweite Runde wird auf asiatischem Schauplatz ausgetragen.

2. Der Engländer wird nicht unterliegen.

So dicht sind bei John Cornwell oder David le Carré Wirklichkeit und Phantasie miteinander verwoben.