Bremen

Die 43 Jahre alte Lieselotte Lehmann aus Kirchtimke hat am 8. September einen Sonntagsausflug mit dem Bäderschiff „Roland von Bremen“ nach Helgoland mit dem Leben bezahlt. Sie war in Begleitung ihrer 75 Jahre alten Mutter mit 720 Passagieren von Bremerhaven unterwegs zum Roten Felsen im Meer. Bei stürmischem Wetter fiel das Schiff kurz vor Helgoland in zwei mächtige Kreuzseen. Zahlreiche Passagiere holten sich Prellungen und Brüche, Frau Lehmann erlitt innere Verletzungen. Sie starb später im Hubschrauber, der sie nach dem Ausbooten an der Reede von Helgoland ins Krankenhaus nach Cuxhaven brachte.

Statistiker werden nachrechnen: eine Tote, 30 Verletzte – das sei so gut wie nichts, wenn man sie in Relation setzt zu den Millionen, die seit Jahren mit den zehn Schiffen der „Weißen Flotte“ heil und sicher nach Helgoland und zurück gebracht wurden, so gut wie nichts auch verglichen mit Unglücksfällen auf der Straße und in der Luft. Die stabile „Roland von Bremen“ (4400 BRT) hat seit 1966 laut Angaben der Reederei Oltmann 1,2 Millionen Fahrgäste befördert; dies war der erste Seeunfall mit Todesfolge.

Dennoch sind unmittelbar nach dem Unglück von vielen Seiten Vorwürfe erhoben und Fragen gestellt worden. Staatsanwaltschaft, Seeamt und Wasserschutzpolizei haben Ermittlungen aufgenommen. Endgültige Ergebnisse können noch nicht vorliegen. Reederei und Schiffsleitung sind sicher, sie treffe keine Schuld; auch von menschlichem Versagen könne keine Rede sein. Insgesamt fünf Seebäderschiffe mit zusammen 3300 Passagieren sind am 8. September bei Sturmwarnung des Deutschen Seewetterdienstes nach Helgoland ausgelaufen, auf vier Schiffen ging es gut, die „Roland“ erwischte es.

Laut Schiffsleitung und Reederei sind die Roland-Fahrgäste während der stürmischen Hinfahrt immer wieder über Bordlautsprecher aufgefordert worden, auf ihren Plätzen zu bleiben und nicht an Deck herumzulaufen. Diese Anordnung sei von leichtsinnigen Ausflüglern nicht befolgt worden, auch zahlreiche Seekranke hätten an die frische Luft gedrängt.

Mehrere empörte Passagiere indes versicherten nach der Rückkehr, von Anordnungen oder Warnungen sei keine Rede gewesen, es sei entweder gar nichts gesagt worden oder nur Beschwichtigendes, von ein „bißchen Schaukeln“ und „schön festhalten“. Über die tatsächliche Gefahr, die dann akut wurde, als das Schiff sich mit 33 bis 35 Grad zur Seite neigte, seien sie nicht informiert worden. Wer einmal mit solch einem Seebäderschiff nach Helgoland gereist ist, kennt Jubel und Trubel und Alkoholseligkeit an Bord und weiß, da gehen Durchsagen unter oder sie werden nicht ernstgenommen. Und manchmal fehlt es ihnen auch an Eindringlichkeit.

In Bremen sind in diesem Sommer Klagen über die Helgoland-Reisen laut geworden. Sie betrat fen sowohl Schiffe als auch die Insel, sie beschäftigten sich mit grotesken Preisen, mit mangelndem Service und mit der nach Ansicht zahlreicher Fachleute längst überflüssig gewordenen Ausbootung an der Reede von Helgoland, die für Untrainierte je nach Wetterlage eine Tortur ist.

Das bisher in jeder Beziehung bombensichere Geschäft „Helgoland“ hat den Verantwortlichen möglicherweise den Blick getrübt für Sicherheitsvorkehrungen aller Art, für Ausstattung der Schiffe mit festen Sitzplätzen (nicht festgezurrte Liegestühle sind bei Sturm enorme Gefahrenquellen) und schließlich für die Überprüfung der Frage, bei welchen Wind- und Sturmstärken der Transport von ein paar Tausend völlig seeunerfahrenen Seeausflüglern nicht mehr zu verantworten ist. Der tragische Tod der Lieselotte Lehmann sollte die „Weiße Flotte“ zur Selbstkritik anregen. Lilo Weinsheimer