In den letzten Augusttagen richtete die Internationale Hegel-Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit der konkurierenden Hegel-Vereinigung) in der Moskauer Lomonossow-Universität einen philosophischen Mammutkongreß aus: 725 Philosophen aus Ost und West konferierten über das Thema „Dialektik“ (wir berichteten darüber in unserer letzten Ausgabe). Nicht anwesend war ein deutscher Philosoph, der in Sachen Dialektik mitzureden befugt gewesen wäre wie kaum ein anderer: Jürgen Habermas. Er hätte gern teilgenommen. Anfang Januar ließ er sich durch seine Sekretärin anmelden, hörte dann von dem Vorsitzenden der Hegel-Gesellschaft, Wilhelm Raimund Beyer, daß er, wenn er wirklich kommen wolle, einen Vortrag halten müsse, bestand auf simpler Teilnahme – und stürzte durch diesen Wunsch die Hegel-Gesellschaft offenbar in tiefes Nachsinnen. Das jedenfalls geht aus den Briefen hervor, die in der Folgezeit zwischen Habermas und Beyer gewechselt wurden. Bisher hat Jürgen Habermas die Briefe für sich behalten – „da mir darin das Komische das Politische zu übfierwiegen schien“. Jetzt, da W. R. Beyer für seine liberale Kongreßleitung belobigt wird, stellte er sie uns zur Verfügung. Wir drucken sie als Art Satyrspiel: Philosophie und Politik auf Vereinsniveau.

6. 4. 1974

Sehr geehrter Herr Doktor Habermas!

Wie mir Ihre Sekretärin unter dem 1. 2. mitteilt, scheint wegen Ihres Wunsches, am X. Internationalen Hegel-Kongreß in Moskau teilzunehmen, „ein Mißverständnis entstanden zu sein“. Sie haben mich auf alle Fälle zweimal wegen dieses Wunsches durch Ihre Sekretärin anschreiben lassen und diesen Modus selbst dann beibehalten, als ich den ersten Brief persönlich an Sie beantwortete. Nun ist bekanntlich die Internationale Hegel-Gesellschaft eine philosophische Gesellschaft. Bei solchen Organisationen ist es üblich, daß Wünsche unter den Philosophen selbst vor- und ausgetragen werden. Anscheinend verwechseln Sie uns mit der „Internationalen Vereinigung zur Förderung des Studiums der Hegelschen Philosophie“, bei der es – laut schriftlicher Erklärung des Präsidenten derselben, des Herrn Kollegen Henrich – üblich ist, daß eine von der erzkapitalistischen Thyssen-Stiftung bezahlte Sekretärin die schriftlichen Arbeiten erledigt.

Zur Sache aber, wenn es sich tatsächlich um eine Teilnahme am X. Internationalen Hegel-Kongreß handeln sollte, wäre zu sagen: die nunmehr als rein passiver Teilnehmer (Zuhörer) in Aussicht gestellte Teilnahme wirft gleicherweise – bei dem Ansehen, das Sie in wissenschaftlichen Kreisen der BRD genießen, und bei der Vorliebe der bundesdeutschen Medien, sich mit Ihrer Person zu beschäftigen – gewichtige Fragen auf, die eben vorher geklärt werden müssen – und doch wohl von Ihnen persönlich. Falls Sie dies ablehnen, wird Ihre Teilnahme nicht möglich sein. Bedenken Sie bitte:

1. Sie hatten sich einst zu unserem Prager Hegel-Kongreß fest angemeldet gehabt. Beim Genfer Kongreß war Ihre Teilnahme nur im ersten Vorprogramm von Ihnen angekündigt, dann storniert worden. In Prag aber erschienen Sie im Programm. Wir hatten das alles vorher in Frankfurt am Main eingehend besprochen. Dann aber kamen Sie ohne Absage einfach nicht. Ich wurde von Reportern bestürmt, wann Sie kommen, warum Sie nicht kommen und so weiter. Ich wußte keine Antwort. Ich schätze es nicht, uninformiert dazustehen. Erst am allerletzten Tage sagte mir ein tschechischer und wahrlich für die Internationale Hegel-Gesellschaft nicht verantwortlicher Kollege, daß Sie ihm eine Postkarte geschrieben hätten, Sie würden nicht kommen.

Es dürfte verständlich sein, daß die Internationale Hegel-Gesellschaft aus diesem Vorgang „lernt“. Sie selbst sprechen ja dauernd von „Lernprozessen“. Hier geht es um ein Lernergebnis.