Plön/Holstein

Der ehemalige Landwirt und jetzige Schloßbesitzer Gerhard Pugehl versteht die Welt nicht mehr: „Nur für meine Jungens habe ich mich in Unkosten gestürzt, und jetzt will man mir alles wieder kaputtmachen. Aus diesem Schloß bekommt man mich nur noch im Sarg heraus.“ Der neue Herr des Schlosses Salzau bei Plön im Holsteinischen will den 99-Zimmer-Prunkbau in ein Männerwohnheim umbauen, doch der zuständige Landrat und die Landesregierung spielen nicht mit: Baupolizeiliche, hygienische und raumordnerische Gründe, so erklärt die schleswig-holsteinische Landesregierung, verbieten eine derartige Nutzung des Schlosses.

Pugehl bezog dennoch mit rund 30 ehemaligen Alkoholikern und Strafgefangenen bei Nacht und Nebel den idyllischen Bau am Selenter See. Der ehemalige Schloßherr, Graf Romedio Thun von Hohenstein, sah erschreckt aus einem Kammerfenster des Gesindehauses, „wie diese Horde, ohne lange zu fragen, von den herrschaftlichen Suiten Besitz ergriff“.

Die Männer kamen aus Itzehoe, wo sie ein Heim freiwillig geräumt hatten, bevor die Ordnungsbehörde es schließen konnte. Ihr neuer Boß war dort lediglich Kompagnon des Heimleiters Otto Reese gewesen, dessen Ehefrau in Pugehl den bösen Geist ihres „guten Mannes“ sieht, der immer nur habe helfen wollen. So habe er sich dem „Blauen Kreuz“ angeschlossen und in seinem Haus Gestrauchelte aufgenommen. Einer dieser „armen Menschen“ sei auch Pugehl gewesen, der sich jedoch sehr schnell zum „Geschäftsführer“ dieser von vielen Ordnungsbehörden empfohlenen Anstalt mauserte, die sich bald ausdehnte. „Damit sich die Jungens auch wieder an Ordnung gewöhnten“ (Pugehl), wurden sie in Arbeitskolonnen gesteckt, die Reese oder Pugehl Tag für Tag an den Hamburger Hafen oder an Baumschulen in der Umgebung vermittelten. Ihren Verdienst mußten die Männer bis auf Heller und Pfennig an ihre Herbergsväter abtreten. Sie machten es freiwillig; denn jeder war froh, nach der Entlassung zunächst ein Dach über dem Kopf zu haben. Für Kost und Logis zog ihnen Reese täglich 15 Mark ab.

Als Nachbarn der „Resozialisierungsbetriebe“ in Itzehoe sich über die Zustände beschwerten, griff die Ordnungsbehörde ein. Sie kontrollierte die Häuser, die „wie Schweineställe“ (Sozialamt) ausgesehen hätten. Hunderte von Bier- und Schnapsflaschen hätten in den Zimmern der gerade auf Staatskosten entwöhnten Bewohner gelegen, von sanitären Anlagen dürfe man gar nicht sprechen. Das Ordnungsamt verfügte strenge Auflagen. Pugehl erbat eine Frist, um sich nach neuen Gelegenheiten umzusehen. Die Behörde hielt noch zwei Monate still.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Pugehl seinen Kaufvertrag für das Schloß mit einem Hamburger Makler schon unter Dach und Fach. Für 1,26 Millionen Mark, so steht es im offiziellen Kaufvertrag, soll ihm der Hamburger Bauplaner Maximilian Bremer das Schloß einschließlich des Parks überlassen haben. Doch gleichzeitig, so weist es ein am 28. Mai vor einem Hamburger Notar geschlossener Vertrag aus, hat Bremer seinem Nachfolger 1,8 Millionen Mark geliehen, sich jedoch den gleichen Betrag als Grundschuld von Pugehl abtreten lassen. Für das Darlehen muß Pugehl jährlich zehn Prozent Zinsen, also 15 000 Mark im Monat, an Bremer zahlen, für den sich das Schloß nun lohnt: Nach Angaben des Landrates in Plön durfte Bremer aus raumordnerischen Gründen Schloß und Park nicht, wie beabsichtigt, zu einem Ferienzentrum ausbauen.

Der Kreis verweigert Pugehl nun die Bodenverkehrsgenehmigung, so daß er auch im Grundbuch nicht als Besitzer ausgewiesen werden kann, und so besitzt er vorläufig nicht mehr als ein Luftschloß. Nachdem nämlich die Itzehoer Vorfälle bekannt wurden, sind die Ordnungsbehörden in der gesamten Bundesrepublik angewiesen worden, weder an Reese noch an Pugehl heimatlose Gestrauchelte zu überweisen. Pugehl wartet vergebens auf „Nachschub“; um die Belastungen jedoch tragen zu können, braucht er mindestens 200 Männer. Trotz des behördlichen Verbots glaubt er, binnen weniger Stunden an vier Stellen in Schleswig-Holstein rund „150 Männer aufsammeln“ zu können: Heimplätze sind knapp.

In Plön und Kiel indes sinnt man auf eine Attacke gegen dieses „Idyll auf Zeit“. Ein Sprecher des Kreisbauamtes sagte deutlich: „Wir wünschen kein Obdachlosenasyl an dieser Stelle.“ Regierungssprecher Rathke schließlich, der sich zwar nicht zuständig, aber zur Hilfe bereit erklärte, meinte, zunächst einmal müßten diese Männer, die ja in Hamburg arbeiteten, anderweitig untergebracht werden. Dann könne das Schloß auch mit Hilfe der Polizei geräumt werden. Rainer Burchardt