Von Richard Schmid

Das neue Buch von Bernt Engelmann erscheint wie ein mittlerer Blitz am zur Zeit nicht sehr heiteren Himmel der Bundesrepublik. Man ist gespannt, ob er nicht nur leuchtet und kracht, sondern auch zündet. Nach meiner Schätzung beugen sich bereits ein Dutzend Advokaten über das Buch, um Gründe für einen Verbotsantrag zu suchen –

Bernt Engelmann: „Großes Bundesverdienstkreuz“, Tatsachenroman; AutorenEdition, 1974; 236 S., 22,– DM.

Die „AutorenEdition“, von jungen, nach landläufiger Meinung „linken“ Schriftstellern 1973 ins Leben gerufen und als (literarisch) eigenverantwortlicher Verlag dem C. Bertelsmann Verlag, München, eingegliedert, zeichnet diesmal allein verantwortlich. Der Verlagsname Bertelsmann erscheint im Buch ebensowenig wie – um die Kuriosität vollzumachen – ein Verlagsort. Will sich Bertelsmann der Verantwortung für einen „Tatsachenroman“ entziehen, der doch von der (seinem Imperium zugehörenden) „AutorenEdition“ herausgebracht wird und ohne das Vertriebsnetz des Groß Verlages schwerlich unter die Leute kommen kann? Neben Engelmann stehen im Impressum vier Autoren der Edition: Uwe Friesel, Gerd Fuchs, Richard Hey, Uwe Timm.

Von einer „neuen realistischen Prosa“, wie sie als Markenzeichen der „AutorenEdition“ in einem Vorspruch zu jedem Band der Reihe versprochen wird, ist im Fall Engelmann keine Rede. Sprache und Stil sind herkömmliche Krimi- und Illustrierten-Weise. Auch der Rahmen und die Handlung, nämlich die abenteuerliche Suche nach dem Dokument für eine reiche amerikanische Erbschaft, sind nicht originell, sondern allenfalls geschickt konstruiert und ausgeführt. Und die mondäne Ausstattung mit Flugreisen, Hotelbars, elektronischen Finessen und Seezungenfilets ist die übliche. Die drei Helden, der strahlende junge amerikanische Rechtsanwalt, die hübsche und geschickte Dolmetscherin und Zeithistorikerin und der Kriminalist dienen nur dazu, den Sachverhalt, um den es Engelmann geht, mit einiger erzählerischer Spannung auszubreiten, weil ihn das deutsche Volk – nach der wohl richtigen Meinung Engelmanns – ohne eine solche Aufbereitung nicht mehr zur Kenntnis nimmt.

Aber nicht nur das liegt im Begriff „Tatsachenroman“, sondern auch, daß die besseren Herrschaften, auf die es Engelmann ankommt, nicht wie in Schlüsselromanen ein bißchen verfremdet sind, sondern mit ihren wirklichen Namen und Identitäten erscheinen und mit allen peinlichen Details aus ihren Biographien, die Engelmann mit Dokumenten zu beweisen sucht.

Eine Hauptsträhne der Erzählung gilt den Hyänen der Arisierung jüdischer Vermögen vom Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bis zum blutigen Schluß in Polen – und den Freunden dieser Herren, deren Führungsqualitäten sich zuerst bei der SS gezeigt und bewährt haben. Es wird bewiesen, „daß ehemalige Gestapohelfer, SS-Führer und ‚Arisierer‘ nicht nur zu den Reichsten und Mächtigsten der Bundesrepublik gehören.“ Und Engelmann schreibt, daß sie „unheilvoll weiterwirken können im alten Nazigeist, getarnt hinter Bezeichnungen wie ‚christlich‘, ‚demokratisch‘ oder ‚sozial‘, mit geheimen Giftküchen, die als gemeinnützig anerkannt sind, und sogar noch mit dem großen Verdienst kreuz ausgezeichnet“. Der Buchtitel steht symbolisch für den mehr oder minder heimlichen Prozeß der Machtübernahme dieser Herren.

Eine andere Strähne ist die Organisation und Finanzierung des Wahlkampfes durch einige dieser Herren im Herbst 1972 gegen Willy Brandt. Eindrucksvoll ist die Liste der „förderungswürdigen Organisationen“, die dahinterstanden.

Das Namensverzeichnis der „Personen, die in den Dokumenten genannt werden“, umfaßt fünfundzwanzig Herren und reicht sehr hoch hinauf. Am besten dokumentiert in dieser Liste von Bentz, Horst, bis Zoglmann, Siegfried, ist der Herr Generaldirektor Fritz Ries der Pegulan-Werke. (Engelmann scheint nicht zu wissen, daß die Reichsstudentenführung, bei der sich einige Herren zuerst ausgezeichnet haben, ihrerseits eine Tarnorganisation des Sicherheitsdienstes [SD] war.)

Der Anspruch, nur Dokumentiertes zu behaupten, könnte so ausgelegt werden, daß der Autor sich zum Wahrheitsbeweis erbiete und sich deshalb nicht hinter der Meinungsfreiheit, erst recht nicht hinter der weitergehenden Kunst- und Forschungsfreiheit verstecken wolle. Das wäre rechtlich bedeutungslos. Auf den Schutz des Artikel 5 des Grundgesetzes kann nicht verzichtet werden. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts kommt es auf die Abwägung der Interessen an: Hat das Grundrecht mehr Gewicht als das individuelle Interesse des Betroffenen? In politischen, das heißt in Fragen von allgemeinem Interesse überwiegt im Zweifel (so das Bundesverfassungsgericht) das Grundrecht. Das gilt auch für Tatsachenbehauptungen, selbst für unrichtige.

Aber das letztere ist hierzulande keineswegs gesichert; und darauf werden sich die Lupen der Advokaten im Engelmannschen Buch richten: Ob unter der Masse von Behauptungen nicht etwa ein paar wenige falsche zu entdecken sind, deretwegen ein Prozeß angestrengt werden könnte. Die Meinung John Stuart Mills, des englischen Philosophen der Freiheit, daß es auf das Körnchen Wahrheit ankomme und daß der Mut zur Kritik und zur Aufdeckung eher geweckt als abgeschreckt werden sollte, ist bei uns noch nicht durchgedrungen. Übrigens ist das Prinzip der „Abwägung“ neuerdings in den Vereinigten Staaten bestritten worden. Das Recht auf free speech vertrage sich nicht damit. Die Aufdeckung der Wahrheit in Sachen Watergate wäre wohl ohne eine solche unbeschränkte Freiheit nicht möglich gewesen.

Andererseits ist dem Bundesverfassungsgericht darin Recht zu geben, daß erhebliche Tatsachen nicht verschwiegen werden dürfen. Zum Beispiel darf einer nicht als strammer Nazi dargestellt werden, der wirklichen Widerstand geleistet hat. Aber wenn das Buch dem Recht der freien Meinung und Forschung eine weitere Bresche schlägt, so hätte Engelmann seinerseits das Bundesverdienstkreuz verdient.