Von Sylvia List

Kann einem Autor der Nobelpreis für Literatur wieder aberkannt werden? Im Falle Michail Scholochows, der 1965 ausgezeichnet wurde, könnte das Nobelpreiskomitee sich diese peinliche Frage stellen – wenn es sich die Ansicht zu eigen machen sollte, die in einem dieser Tage erscheinenden, von Alexander Solschenizyn herausgegebenen Buch eines anonymen sowjetischen Literaturwissenschaftlers vertreten wird: die Ansicht nämlich, Scholochow sei nicht der .eigentliche Verfasser des „Stillen Don“, sondern habe nur ein fremdes Manuskript überarbeitet und ergänzt. Sein Verfasser wird D* genannt, der Titel lautet „Stremja ‚Tichogo Dona‘ – Sagadki romana“ (Die Strömung des ‚Stillen Don‘ – Die Rätsel des Romans). Erschienen ist es bei der YMCA-Press, Paris.

Das klingt zunächst ziemlich sensationell. Immerhin ist „Der stille Don“, dieses voluminöse Epos vom Leben der Donkosaken und ihrem tragischen Untergang in den Wirren der Revolution und des Bürgerkriegs, Scholochows Hauptwerk; es hat Millionenauflagen erlebt, wurde verfilmt und in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt. Die Vermutung läge also nahe, daß Solschenizyn, der ja in den vergangenen Jahren von Scholochow nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt wurde, es seinem längst zu Nestorwürden gelangten Exkollegen nunmehr heimzahlen wolle. So aber ist es nicht.

Polemik tut auch gar nicht not. Obwohl D* vor Abschluß seines Buches starb und nur über einen Bruchteil seiner Entdeckungen schreiben konnte, sind die durch Textanalyse und Recherchen ermittelten Fakten recht eindeutig.

Auf den 160 Seiten von D*s Text kommt der Name Scholochow nicht ein einziges Mal vor, in Solschenizyns neunseitigem Vorwort fällt er nur gelegentlich. „Es geht“, so D*,„schließlich nicht um die Entlarvung der einen Persönlichkeit und auch nicht einmal um die gerechte Krönung der anderen, sondern um die Aufdeckung der historischen Wahrheit, wie sie von diesem wahrhaft großen Dokument gezeigt wird, als das sich das untersuchte Werk erweist.“ Es geht, wie Solschenizyn hinzufügt, um die Ehrenrettung des „Stillen Don“ als des „einzigartigen und unanfechtbaren Zeugen seiner furchtbaren Zeit“.

„Der stille Don“ also nicht als der erste geniale realistische Roman der sowjetischen Literatur, sondern als das letzte große Epos des in der Revolution untergegangenen Rußland ...

Der geheimnisvolle Mitautor