Wien für Fortgeschrittene und unheilbar in die Stadt Verliebte: Didi Petrikat, Graphikerin und Photographie widmet dem von Abbruchfirmen und Kaufhausarchitekten bedrohten Wien ein Buch melancholischer Erinnerung. Denn all die vergammelten oder gepflegten, klassizistisch strengen oder jugendstilig geschnörkelten Fassaden, Ladenfronten, Auslagen, Schaufenster, Türschilder wird es bald nicht mehr geben. Auch in Wien müssen die kleinen Geschäfte den Kettenläden und Supermärkten weichen. Die Poesie altmodischer Werbung ("Mehl u. Gries aus den renommiertesten Dampfmühlen"; "Steir. Teeu. Koch-Eier") aus Wiens Straßen und Gäßchen bewahrt Didi Petrikat. Mit dem Photo-Apparat ist sie durch die Stadt gezogen und hat nichts aufgenommen als die Gesichter von Kaufmannsläden. In diesen 89 menschenleeren Farbaufnahmen kann man spazierengehen. Hier lebt Straßendichtung der Art, wie Joseph Roth und Doderer sie in Romanen, wie Horváth sie in Regie-Anweisungen geschaut oder geträumt haben. Das stumm beredte Straßentheater der städtischen Kulissen begleitet Peter Handke mit etwa dreißig aphoristischen "Sätzen": Lesefrüchten, Erinnerungen, Anspielungen ("Ja, früher: da konnte man noch Brot kaufen, in das schwarze Käfer eingebacken waren!"; "Alles lassen, wie es ist. Es kommt eh gleich der Komet!"). Eine der Aufnahmen lädt noch ein zu "Naturbelassenen Weinen". Wie solche Köstlichkeiten sich in den Kanistern der Nahrungsmittel-Chemiker überall auf der Welt in gesüßten Essig verwandeln, so wird auch das alte Wien, das im architektonischen und reklametechnischen Aufputz bisher noch wohltuend naturbelassen wirkte, bald versunken sein. (Didi Petrikat: "Wiener Läden, mit Sätzen von Peter Handke"; Hanser Verlag, München, 1974; 100 S., 89 farbige Photos, 25,– DM.) R. M.