Hoffen wir, daß dieser reichgeschmückte, mit allen. Düften und Farben des Abendlands ausgestattete Köder begierig geschluckt wird. Oh, wie das eingeht – und ausgeht: amüsant und in seiner Phantastik präzis wie ein Krimi. Ich dachte an Chesterton, nicht den abgeflachten Fernsehkrimiautor, sondern an den Autor des „Fliegenden Wirtshauses“, des „Helden von Notting Hill“ und „Des Mannes, der Donnerstag war“. Doch natürlich ist dieser Roman hier ein Amery: bösartiger als Chesterton, bösartiger vielleicht als der Autor ahnt, der gewiß seinen Spaß gehabt hat und welchen machen wollte in der ernsten, düsteren Untergangsszene. Spannend? Ja. Unterhaltend? Ja. Ja, und wer je die Verbreitung von Langeweile für literarische Pflicht gehalten hat, der mag sich geärgert fühlen von –

Carl Amery: „Das Königsprojekt“, Roman; Piper Verlag, München, 1974; 357 S., 29,50 DM.

Bevor ich erwartungs- und pflichtgemäß zu moralisieren fortfahre, gebe ich zunächst die Zeitspannen bekannt, innerhalb derer „Das Königsprojekt“ spielt: zwischen 34 517 vor und 1956 nach Christi Geburt. Im Jahr 34517 vor Christus wird (oder wurde? hinter diesem Fragezeichen verbirgt sich die Frage nach den Verrücktheiten solcher Zeitverschachtelungen) bei Ahrensburg ein unschuldiger, ziemlich törichter Schweizergardist namens Deferunderoll von einer Schar vorzeitlicher Rentierjäger unter der Führung eines gewissen Grgur (schon der Name ist einen Orden wert) aus einer kostbaren, komplizierten, abgestürzten Raum-Zeit-Maschine gepflückt und, wie es den Zeitläuften und ihren rohen Sitten entspricht, verspeist. Wie es der Heuchelei auch ältester Religion entspricht, wird die Verspeisung nicht durch Hunger, sondern rituell begründet. Das kostbare Material der Maschine dient den Jägern zu extravagantem Schmuck. Die Krimi-Frage lautet also: Wie kommt der ahnungslose Deferunderoll in solche Zeiten und solches Elend? Die Antwort ist simpel, und ich verrate wenig von diesem Krimi, wenn ich sage, er ist das Opfer falscher Justierung und innerklerikaler Intrigen.

Der Sprung in die allerallergraueste Vorzeit geschieht nur einmal, im übrigen spielt der Roman nur zwischen 1296 und 1956. Das Schicksal des Deferunderoll sei unvergessen: So schnöde kann man umkommen, wenn man sich kirchlichen Führungskräften anvertraut und Opfer ihrer Intrigen wird! Man sollte deshalb auch falsch justierte Katholikentage nicht unterschätzen. Vorsicht also, Ihr vertrauensseligen Pfadfinder der kirchlichen Rückwärts-Vorwärts-Dialektik. Es könnte euch ergehen, wenn nicht wie Defunderoll, so doch wie dem höchst ehrenwerten und hochgebildeten amerikanischen Katholiken Dwight Enigmatiker, Mitglied der „Knights of Vespucci“, der sich aus Pflichterfüllung, Gehorsam und Glauben in ein nicht nur sündhaftes, sondern auch noch freudloses Verhältnis mit einer Italienerin einläßt; und nicht etwa dieser dienstlich bedingte Seitensprung zerstört seine Ehe, nein, es ist diese obskure Adresse in der Via Garibaldi, wo das Geheimbüro der klerikalen Geheimorganisation, für die Dwight arbeitet, sich hinter den Empfangsräumen eines Call-Girl-Vermittlungsbüros versteckt hat. Wie soll die gutgläubige amerikanische Katholikin, Dwights Ehefrau, auch ahnen, daß es in Rom kirchliche Geheimorganisationen gibt, von denen nicht einmal der Papst etwas ahnt. Und so unterschreibt sie denn den Abschiedsbrief an ihren Dwight mit „hardly yours“, was so viel bedeutet wie: „wohl kaum noch die Deine“.

Verschaukelt in Rom

Und doch sind Deferunderoll und Enigmatinger nur Bagatellfälle. Das Ziel der Geheimorganisation CSAPF (congregatio secreta ad purificandos fontes) ist nichts Geringeres als die Eroberung der Stuart-Krone für das Haus Wittelsbach, das, wie der Autor schlüssig nachweist, Anspruch darauf hat. Die CSAPF hat seinerzeit schon vergebens versucht, unseren Doktor Martin Luther zu ermorden, dem allerdings der in die Wartburg geschleuderte Papstneffe als Teufel erschien – und auf Tintenfässer war man in Rom nicht gefaßt, so wenig, wie man im Jahre 1955 darauf gefaßt ist, daß aus dem Glen Turnock ein Lake Turnock geworden ist, ein Stausee, und das, obwohl das Stichwort GENESIS SIEBEN immer wieder auftaucht, und in Genesis sieben wird von der Sintflut berichtet. Liest man in dieser Kongregation etwa nicht mehr die Bibel?

Man glaubt, das wohl nicht nötig zu haben, weil einem die MYST zur Verfügung steht. Diese Abkürzung hat nichts mit Mystik zu tun, es sei denn, man empfinde hochkomplizierte Maschinen ohnehin als mystisch. MYST ist die Abkürzung für „machina ingeniosa spacio-temporale“, eine Raum-Zeit-Überwindungsmaschine, die auf Plänen Leonardo da Vincis beruht, der wiederum von dem allerdings mythisch-mystischen Schwan inspiriert wurde, mit dem Lohengrin Elsa davonfuhr, als sie zu fragen anfing. Fragen oder nachdenken soll man eben nicht, nur gehorchen. Das Y statt des I in der Abkürzung hat man den deutschsprachigen Schweizergardisten zuliebe eingefügt, denen man ja wohl kaum zutrauen kann, sich MIST anzuvertrauen.